Aufgespiesst: Und Müesli ist doch ungesund
Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über Cerealien und heisse Reifen.
Sie essen jeden Tag zum Zmorge oder Zvieri ein Müesli und denken, Sie leben gesund? Oder versorgen Ihren Nachwuchs mit dem Körnerzeug im festen Glauben, Sie täten ihm etwas Gutes? Ich muss Sie leider enttäuschen. Müesli kann sehr ungesund sein, im Zweifel sogar lebensgefährlich. Ein grosser Schweizer Lebensmittelkonzern bietet beispielsweise kleine Zimtquadrate an. Die süssen Biester suggerieren, mit 32 Prozent Vollkorngetreide ein wertvoller Nahrungsmittelbestandteil zu sein. Sie enthalten aber doppelt so viel Zucker und Fett wie gesunde Zutaten; ausserdem schmecken sie pappig. Aber, nun gut, das ist ja noch nicht lebensbedrohlich. Wenn schon ungesund, dann richtig und mit vollem Bewusstsein – das war schon immer mein Standpunkt.
Arme Kindheit
Was mich eher nachdenklich stimmt, ist eine andere Beigabe der süssen Cerealien: Der Packung liegt ein Computerspiel bei, «empfohlen (!) ab drei (!) Jahren ». Mit dem «Team Hot Wheels» kann man drei verschiedene Nacht-Rennspiele machen. Entweder rast man durch eine «gefährliche Hafengegend und stösst alle Hindernisse aus dem Weg», man passiert eine «Bauzone und braucht all sein Geschick, um durch die Baustelle in der Innenstadt zu fahren» oder, in der Version «High-Speed Strand», man «rast mit hoher Geschwindigkeit und einer Kulisse aus Neonlichtern den Strand entlang». Na super! Über die Wirkung von Computerspielen auf Kinder und Jugendliche wird regelmässig heiss debattiert, meist dann, wenn mal wieder ganz überraschend ein Bürschchen, das bisher als nett, angepasst und unauffällig galt, ein paar Mitschüler und seine Lieblingslehrerin abgeknallt hat. Aber da sich an diesem Thema die Geister scheiden, ist es stets schnell wieder ad acta gelegt.
Bereits das Vokabular, mit dem die drei Müesli- Spiele angepriesen werden, treibt mir einen Schauder über den Rücken. Aggressiver und flacher geht es kaum. In der nächsten Version des «Team Hot Wheels» kann man wahrscheinlich auch noch aus dem Beifahrerfenster auf Passanten ballern. Natürlich wird nicht, wer ab seinem vierten Lebensjahr regelmässig Zimt-Müesli konsumiert, sofort ein gewaltbereiter Raser mit Hang zum Massenmörder. Dennoch ist es bedenklich, dass so kleine Menschen es lustig und spannend finden sollen, sich dumm und rücksichtslos zu verhalten und andere zu gefährden – und sei es tausendmal nur vorm Computer.
Glaubwürdigkeit bleibt auf der Strecke
Noch dazu ist auf der Cerealien-Packung eine Epilepsie- Warnung abgedruckt: Eine Folge solcher Computerspiele könnten epileptische Anfälle sein. Und sie könnten süchtig machen, warnt der Hersteller zusätzlich. Jetzt überlegen Sie mal: Auf einer Packung mit einer zimtigen Nascherei wird ein Raserspiel angepriesen, das aggressivem Autofahren huldigt und zu Epilepsie und Sucht führen kann. Das ist für mich, als hänge man ein paar Handgranaten an einen Weihnachtsbaum.
Und all das wird mir morgens um halb neun zum Frühstück serviert, während die Kornklümpchen, auf denen ich herumkaue, wie gesüsster Pappkarton schmecken. Da vergeht einem wirklich der Appetit. Vielleicht sollten die Müesli-Marketer im Dienste der Glaubwürdigkeit mal überlegen, welche Art von Spiel besser zu ihrem Produkt passen könnte – oder welches Produkt zu ihrem Spiel. Oder können Sie sich Leute, die Raserspiele spielen, beim Zimt- Chips-Knabbern vorstellen?
