Aufgespiesst: Tempo geht durch den Magen
Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über vorweihnachtlich Eile, die den Magen verstimmt.
Bald ist Weihnachten – falls Sie es noch nicht an den Frühlingsblumenzwiebeln und Schoko- Osterhasen in den Supermarktregalen gemerkt haben. Zeit, sich noch ein paar rasche Geschenke für die Ach-so-Lieben einfallen zu lassen. Last Minute und unter Druck kommen einem sowieso die besten Ideen. Das jedenfalls behaupten die meisten meiner Kollegen, mehrheitlich Männer. Meine Meinung zu dieser männlichen Druck-These: Die Herrschaften sind jedes Mal so erleichtert über die in letzter Minute doch noch erlegte Weihnachtsbeute, dass sie im Mir-fällt-ein-Stein-vom-Herzen-Freudentaumel tatsächlich glauben, sie hätten ein gaaanz tolles Geschenk erworben. Die betroffenen Beschenkten sehen das meist gaaanz anders. Und dann wird das Fest der Liebe wieder gaaanz besonders schön.
Nun ja. Für alle, die es kurz vor Weihnachten mal wieder eilig haben, weil zwischen Jahresabschlüssen und Weihnachtsfeiern die Besinnung (und das rechtzeitige Nachdenken über Weihnachtsgeschenke) auf der Strecke bleibt, hat die Konsumindustrie auch dieses Jahr tolle Devotionalien ersonnen. Wir richten heute den Blick auf die neuesten Kochbücher, denn Weihnachten ist ja das Fest der Liebe. Und Liebe geht durch den Magen. Was sie danach macht, ist nicht bekannt.
Fast Food
Rühren Sie für Ihre beste und zweitbeste Kollegin doch ein paar «Express-Pralinen» zusammen. Oder noch schneller: Verschenken Sie das Buch, in dem steht, wie das geht. Es wird gerade vom Südwest- Verlag feilgeboten. Sie hielten Pralinen bisher für den Inbegriff des Genusses und Genuss für etwas, das Zeit braucht? Unsinn! Lecker ist es erst, wenn’s richtig schnell geht, wenn Kosten und Nutzen sich die Waage halten, wenn man nicht länger in der Küche steht, als man hinterher am Tisch sitzt. Auf höchster Stufe rühren. Dann bleibt noch Zeit für Wichtigeres. Eine tolle Idee sind auch Blitz-Plätzchen. Die schmecken nicht etwa heiss, sondern sind vor allem zackig auf den Tisch gezaubert. Dafür danken alle Eilegeplagten dem Puddingdoktor Oetker, der seine Tipps gleich im eigenen Verlag abgebacken hat. Noch einfacher geht’s mit den Fertigteig-Packungen aus der Migros: Die schmecken auch nicht, aber wenigstens kommen Plätzchen auf den Tisch. Jamie Oliver steht so kurz vor Weihnachten ebenfalls unter Strom und serviert eine «blitzschnelle, gesunde und superleckere 15-Minuten -Küche». Zeit für korrekte Orthografie war beim Verlag dann nicht mehr. Und Annemarie Wildeisen kocht für ihre Gäste vor. Dann geht am Tag X alles speditiver, und die Geladenen können schnell wieder gehen. Dieser Gedanke hat einen gewissen Charme, insbesondere, wenn sich am Weihnachtstage die ganzen Verdammten – ähm, Verwandten – um die Tafel scharen.
Slow Motion
Warum, in Gottes Namen, muss heute eigentlich immer alles schnell gehen? Und das ganz besonders, wenn es auf die «besinnlichen», «ruhigen» und «stillen » Tage zugeht. Vielleicht können wir mit Ruhe nichts mehr anfangen – denn wenn es ruhig ist, ist die Stille immer so laut. Dauergestressten kann ich empfehlen, sich mal für einen Tag ein Kind zu leihen. Diese kleinen Menschlein nehmen sich nämlich alle Zeit der Welt für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens: im Dreck nach Steinen kratzen, den Schnee dabei beobachten, wie er auf Fussabdrücke reagiert, mit einem goldenen Stern in der Hand durch die Wohnung laufen und jauchzen. Einfach jauchzen … während die gestresste Mutter überlegt, wo sie nochmal über dieses Buch mit den 15-Minuten-Rezepten gelesen hatte – denn schliesslich muss noch das Mittagessen auf den Tisch. Und, ja, essen dauert bei den kleinen Flöhen auch immer gaaanz lange. Was wünschen Sie sich eigentlich zu Weihnachten? Zeit?
