Aufgespiesst: Teenies booken sich aus

Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über neue Hoffnung, die neuerdings wieder die Jugend bringt.

Ja, ja, die Jugend von heute … ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Gott sei Dank! Wenigstens die jüngeren Jungen zwischen 13 und 15 Jahren werden langsam wieder vernünftig – und verabschieden sich von Facebook. Endlich ein Lichtblick!

Oma in spe

Wie oft stehe ich mit unserem neun Monate alten Bub auf dem Arm auf unserem Balkon, wir schauen den Kids auf der Strasse zu und ich denke: «Meine Güte, hoffentlich ist das alles wieder anders, wenn unser Kleiner grösser ist. Hoffentlich sind die Nägel wieder weniger bunt, die Röcke länger, die Frisuren wieder horizontal, die Hosen weiter und weiter oben und die Sonnenbrillen kleiner. Und hoffentlich ist es nicht mehr en vogue, abends an der Bushaltestelle abzuhängen, auf der Strasse herumzukreischen oder mit einem Ghettoblaster auf Rollen herumzulaufen.» Und gleichzeitig denke ich: «Jetzt musst du dir nur noch ein Kissen fürs Geländer kaufen – fertig ist die Oma, die über die Jugend von heute wäffelt und die du nie sein wolltest. Bin ich alt geworden!»

Aber ich habe ja recht. Ich gesetzte Dame mittleren Alters habe immer versucht, geheim zu halten, dass ich nicht auf Facebook bin, dass ich es für Zeitverschwendung halte, mich mit Tausenden von Profilen zu verlinken, bei denen ich die Personen dahinter kaum kenne oder lieber gar nicht kennen möchte, sie als meine «Freunde» zu bezeichnen und deshalb für die wenigen, guten, realen Menschen, die mir wirklich am Herzen liegen, keine Zeit mehr zu haben. Ich habe mich sogar ein bisschen dafür geschämt, dass ich meine privaten Ferien- und Schaumal- was-ich-mir-gekauft-habe-Fotos nicht mit der Welt zu teilen bereit bin. Denn ziemlich altmodisch ist das heutzutage ja schon. Twitter: ja. Xing: ja. Beides hat eine klare Funktion und damit seine Berechtigung. Aber warum sollte ich eine zweite Existenz im Virtuellen führen? Die reale ist ja schon anstrengend genug.

Kinder im Kommen

Nun welch ein Befreiungsschlag durch die 13- bis 15-Jährigen: Von Mai bis Juli 2012 haben sich 10 000 Schweizer Teenager von Facebook abgemeldet. Weil sie das Netzwerken und die ständige Pflege ihres Profils stresst, weil sie von Werbung (!) und Spam genervt sind und weil sie sich überwacht fühlen. Das ist sensationell. Ich bin also doch noch nicht so alt! Die Welt dreht sich doch noch nicht zu schnell für mich! Und ich kann es mir doch leisten, bei Facebook nicht mitzumachen. Ist doch ein gutes Gefühl, dass ich mich auch in virtuellen Dingen auf meinen Bauch und meinen gesunden Menschenverstand verlassen kann. Auch wenn ich eine alte Gumsel bin. Danke Kinder!

Gut, gut, die jungen Leute entsagen den sozialen Netzwerken natürlich nicht ganz. WhatsApp ist jetzt angesagt, und danach werden andere tolle Tools folgen. Aber wenn das alles durch ist, kommen ja vielleicht wieder Strickzirkel und Herrenabende in Mode. SMS, vorübergehend was für alte Leute, sind jetzt schon wieder die Kommunikationsform der Wahl. Ich darf also guter Hoffnung WhatsApp und das ganze andere neumodische Zeugs überspringen und mich auf das zurückkehrende Mittelalter freuen. Nur eine Angst bleibt: Dass unser Söhnchen, wenn es dem Mutterschosse schliesslich entwachsen ist, irgendwann die Idee hat, mich «anzufrienden » – oder wie auch immer das anno 2024 ff. heissen wird. Dann muss ich natürlich mit einem beglückten «ja klar» antworten und ganz schnell herausfinden, wovon er redet. Denn dass unser «Kleiner » mich dereinst uncool und altmodisch findet, damit könnte ich nun wirklich nicht leben.
 

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