Aufgespiesst: Tatort Vatikan
Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über Papstrücktritt und Schweizer TV-Narretei.
Non habemus papam – der Papst ist weg vom Fenster. Er wolle sich zurückziehen in das Gebet und sich vor der Welt verbergen, sagt er. Das ist prima, aber wie kommt er jetzt darauf? Gut, der hohe Herr ist 85 Jahre alt, ein Alter, in dem die meisten seiner Altersgenossen schon längst aus dem Verkehr gezogen wurden. Und er ist müde. Ja klar, das ganze heilige Getue stresst schon enorm. Wahrscheinlicher aber ist: Er hat die Nase voll von der Welt, seit er den letzten Schweizer Tatort «Schmutziger Donnerstag» gesehen hat.
Nicht wegen des Kostümhokuspokus’, verkleiden findet der Papst ja toll. Schliesslich läuft er selbst den ganzen Tag in einem lustigen Gewand und mit roten Schuhen herum. Und auf dem Kopf ein lächerliches Hütchen. Aber diese Szene, in der zwei Frauen mit- einander … «Neee, also wirklich, musste das sein? Und dann auch noch DJ Bobo als Auto-Kaputtschläger – ein grandioser Musiker als Brutalo?! Heilig Sakrament, das darf nicht sein! Jetzt tret’ ich zurück!»
Habemus Flückiger
Und wissen Sie was? Der Papst hat Recht: Der Tatort war schon nicht so schlecht. Aber er war auch schon nicht so gut. Lauter überflüssiges Zeugs, sehr locker bis überhaupt nicht verwoben mit dem Erzählstrang. Eben der Auftritt von DJ Bobo. Warum? Und der von Frank Bodin als schlecht frisierter Zünfter? Wieso? Ein Geburtstagsgeschenk seiner Tochter, verrät der Chairman und CEO von Havas Worldwide. Vor allem aber wohl clevere Eigen-PR. Und was interessiert das die 7,78 Millionen Zuschauer, die den Krimi bei der ARD verfolgt haben (wie viele Menschen die Dialektvariante auf SRF 1 sahen, können wir ja leider im Moment noch nicht feststellen)?
Die meisten der Schweizer-Tatort-Schauer haben die ganze Narretei vermutlich gar nicht realisiert. Bleibt die Frage, ob’s das besser macht. Ist überflüssig, was nicht zielführend ist? Sind Gags, die nur ein paar Zuschauer mitbekommen und die dramaturgisch keinerlei Relevanz haben, verzichtbar, akzeptabel oder sogar ausserordentlich gewitzt? Ha ha. Geben Sie sich die Antwort selbst.
Zweifelhafter Höhepunkt
Da scheint die «Sexszene» zwischen Kommissarin Liz Ritschard und ihrer Fastnachtsbekanntschaft – deren überall publiziertes Still auch eine Beldona- Werbung sein könnte, gähn! – ja fast schon wieder elementar zu Daniel Levys Geschichte zu gehören. Aber eben auch nur fast. In den Tatort-Erfolgs-Cocktail musste einfach noch ein kleiner Schuss Erotik gequirlt werden. Warum nicht etwas gar Verruchtes: zwei Lesben in Aktion. Das hat man ja noch nicht gesehen, jedenfalls nicht in der Schweiz. Das Ganze wird eine Woche lang vorher angekündigt und, schwupps, schauen alle mal rein (auch in Rom). Ein echter Höhepunkt. Kein Wunder, dass der Papst da den Stab schmeisst.
Segen von oben
Apropos: Der gute alte Benedikt hat sicher auf einen Wink von oben gehandelt: Nach Berichten der italienischen Zeitung La Stampa hat er sich nämlich während einer Reise nach Mexiko und Kuba in seinem dunklen Hotelzimmer den Kopf gestossen und sich dabei eine offene Verletzung zugezogen. Ein Wink mit dem Bettpfosten, sozusagen. Auf den dann der Rücktritt folgte.
Hauptsache, der Papst nimmt in seine Einsiedelei keinen Fernseher mit. Sonst könnte ihn die schäbige Realität bald wieder einholen. Spätestens mit dem nächsten Schweizer Tatort, denn das ägyptische Bauchtanzfernsehen At-Tet ist jetzt ja leider verboten. Dabei machten die Damen in rosé und bleu wenigstens eine gute Figur.
