Aufgespiesst: Sie sind jung. Sie sind Werber. Sie brauchen eine Brille

Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über Brillenwerbung und sehgestörte Werber.

Brillenwerbung ist – logischerweise – für Leute gemacht, die nicht so gut sehen. Dass sie aber so schlecht sehen, wie es die aktuelle Optikerwerbung glauben macht, könnte für Visilab, Fielmann und Co. geschäftsschädigend enden. Schliesslich ist «schlecht sehen» nicht das Gleiche wie «blind sein». Und niemand, der auf eine Sehhilfe angewiesen ist, möchte beworben werden, als brauche er einen Rollstuhl fürs Gesicht. Dann lässt man den Brillenkauf doch lieber sein und erspart sich dank der so zelebrierten Sehschwäche auch den Blick auf diese grässlichen Sujets.

Hornbrille to go

Fielmann zum Beispiel beglückt uns dieser Tage mit einer allzu erfolgreichen Chefarzt-Visage, natürlich trendig grauhaarig und mit schwarzer Hornbrille à la Marc Sway. Der Typ ist irgendwie eklig, eckig wie geschnitzt und langnasig wie Pinoccio. Und er schaut so schleimig-sanft und gleichzeitig so giftig von seiner Plakatwand herab, dass mir ganz übel und bang ums Herz wird, wenn ich ihn sehe. Ich habe ihm den Namen Kurt gegeben und schaue immer rasch weg, wenn er in meinem Gesichtsfeld auftaucht – was bereits zu gefährlichen Situationen im Strassenverkehr geführt hat. Würde ich angesichts dieser Werbung gefragt, was ich in meinem Leben rückblickend anders gemacht hätte, ich würde antworten: «Ich würde von Anfang an meine Brille nicht bei Fielmann kaufen!»

Visilab geht die Sache schon schöner an: Fotomodell Xenia Tchoumitcheva macht hier die Brillenschlange. Aber selbst sie sieht mit einer viel zu grossen Hornbrille über viel zu roten Lippen und Poposcheitel- Frisur einfach dämlich aus. Wenn eine Brille etwas Positives mit sich bringt, dann doch, dass sie dem Träger einen intellektuellen Touch verleiht. Wenn es die Richtige ist jedenfalls. In den Achtzigern trug deshalb ein Nasenfahrrad, wer etwas auf sich hielt. Aber diese schwarzen oder getiegerten Guck-Klötze, die derzeit so schwer in Mode sind, kleiden leider keinen Sehbehinderten besonders gut. Da kann es die Natur noch so gut mit ihm gemeint haben.

Modell Roger Willemsen

Leider ist auch «MC Optik – E Schwizer Idee» keine andere Idee gekommen, als seinem braungelockten, grosszahnigen Naturburschen mit Milchbärtchen für das Rennen um die Schlechtsehenden eine Hornbrille ins Gesicht zu drücken. Immerhin ist neben dem Foto der Hinweis «Modellbeispiel» vermerkt. Theoretisch muss man heute also nicht im Roger- Willemsen-Outfit herumrennen. Es gibt schliesslich auch schöne Brillen, für die mit schönen Sujets geworben wird, oder?! Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ob der aktuellen Werbung jedenfalls darf man seiner bereits vorhandenen Sehschwäche für einmal dankbar sein und seine Augen zusätzlich noch ganz schnell zukneifen. Doppelt hält besser.

Haltung mit schöner Fassung

Die verantwortlichen Werber müssen wohl blind sein. Oder haben nicht genau hingesehen. Dabei hat Komiker Otto Waalkes in «Der Film» doch bereits ungewollt einen herrlichen Plot für eine Brillenwerbung geliefert. Die bleibt garantiert im Kopf. Zwei schöne, junge Menschen rennen am Strand mit ausgestreckten Armen aufeinander zu – und aneinander vorbei. Dazu der Kommentar: «Sie sind jung. Sie sind verliebt. Sie brauchen eine Brille.» Warum nicht ein wenig Humor und Mut in der Werbung? Alles ist besser als noch mehr stier lächelnde, schöne bis unschöne Menschen, die von Plakatstellen heruntergaffen. Die Konsumenten werden schon nicht die Fassung verlieren.
 

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