Aufgespiesst: Sendeausfall als Quotencheck

Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über treue Fans und gute Quote.

Die Schweiz hat bekanntlich ein Problem damit, ihre TV-Einschaltquoten zu erheben und zu publizieren. Anfang August präsentierte Deutschland nun eine gute Alternative zu den hundertfach abgesicherten Messungen und Auswertungen. Sie dürfte sich besonders bei Serien bewähren: Man lässt einfach mal eine Folge ausfallen und wartet auf die Reaktionen der Fans. Werden sie wütend, lohnt es sich, die Serie weiter zu produzieren. Fällt das Feedback lau aus, kann man den Streifen absetzen.

So geschehen bei der «Lindenstrasse» am 4. August. Die ARD setzte den sonntäglichen Dauerbrenner aus und zeigte stattdessen Berichte über die erste Haupt runde im DFB-Pokal und die Schwimm-Weltmeisterschaft. Ja geht’s eigentlich noch?! Auf der Facebook- Seite der «Lindenstrasse» und auf Twitter hagelte es am Sonntag und am Montag Proteste gegen dieses Sakrileg: «Das hätte es früher nicht gegeben», erboste sich ein Listra-Anhänger. «Lindenstrasse ist doch eine Institution.» Eine andere Nutzerin meinte: «Da freut man sich die ganze Woche auf die neue Folge und dann schaltet man die Glotze ein und … Fussball … echt toll.» Eine dritte Zuschauerin traf es noch härter: «Das war echt ätzend ohne ‹Lindenstrasse›. Ich hab noch nie ’ne Folge verpasst und jetzt so was.» Und schliesslich brachte der ARD-Coup auch noch «Weltbilder» ins Wanken: «Auch, wenn ich nich regelmässig schaue – eine Absetzung der Serie würde mein Weltbild endgültig zerstören. Die Listra is eine Konstante seit meinem 13. Lebensjahr », klagte jemand sein Leid. Kurz: ein Drama.

Shitstorm im Wasserglas

Bevor Sie schmunzeln: Versetzen Sie sich einmal in die Lage dieser Menschen. Sie freuen sich seit 28 Jahren jede Woche sechs Tage lang auf ein spezielles Geflimmer in ihrer Kiste – und dann läuft da auf einmal etwas anderes. Das ist gemein. Das ist, als gingen sie jeden Sonntag in die Kirche und auf einmal gibt’s statt Gottesdienst ein Rockkonzert. Blasphemie! Wohlgemerkt: Die «Lindenstrasse» läuft seit 28 Jahren und dieser Ausfall war erst der dritte in der ganzen Zeit. Im vergangenen Jahr mussten die Zenkers und Beimers zwei Olympia Übertragungen weichen. Doch für einen echten Listra-Fan bricht eine Welt zusammen, wenn sonntags zwischen 18.50 Uhr und 19.20 Uhr nicht alles wie immer ist. Obendrein strapazierten einige Sendezeitverschiebungen die Nerven der ohnehin schon gebeutelten Fans.

In gut informierten Listra-Kreisen munkelt man von Sparmassnahmen, gar von einer geplanten Absetzung der «Lindenstrasse». Ach was! Es war schlicht clever von der ARD, mit einem kleinen Weltuntergang die Treue ihrer Serien-Fans zu testen. Denn dass die Einschaltquoten in den letzten 28 Jahren von etwa 10 Millionen auf 3 Millionen gesunken sind, weiss die ARD längst. Aber wie treu die verbliebenen Zuschauer sind, lässt sich nur durch «qualitative Forschung » erheben. Zwischen den Zeilen gibt der Sender seine kleine, gemeine, aber feine Aktion sogar zu: «Die Reaktion der Fans zeigt, wie sehr sie die ‹Lindenstrasse› schätzen und sie vermissen, wenn sie nicht zur üblichen Zeit kommt», sagte eine Sprecherin des WDR. Was braucht es da noch klare Quoten?

Modell für die Schweiz

Die Methode könnte auch bei uns funktionieren. Ist nur die Frage, ob in der Schweiz jemand aufbegehren würde, wenn Klapproth durch ein Testbild, der «Tatort » durch eine Kochsendung und «Bauer sucht Frau» durch einen Heimatfilm ersetzt würden. Ich befürchte, die «Fans» würden die kleine Programmumstellung gar nicht merken. Was nicht in erster Linie an den Fans läge …
 

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