Aufgespiesst: Scheiden tut weh, Werbung (manchmal) auch

Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über geschmack- und gefühllose Werbung.

Bin ich heillos spiessig, wenn ich finde, dass das die Grenzen des guten Geschmacks bei Weitem überschreitet? Oder einfach noch nicht lange genug verheiratet? Dieser Tage hört man im Radio einen Spot, der die Hilfestellung einer Zürcher Immobilienfirma bei Scheidungen anpreist. Ja, Sie haben richtig gelesen: Immobilien – Scheidung. Das klingt folgendermassen: «Sie lassen sich scheiden? Und wollen Ihr Haus oder Ihre Wohnung verkaufen? Wir helfen Ihnen dabei!» Puh, das sitzt. Vor lauter Schreck habe ich mir nicht einmal gemerkt, von wel chem selbstlosen Makler dieses Angebot kommt. Aber vermutlich hat er sein Büro irgendwo an der Zürcher Goldküste.

Scheidung clever gestalten

Vielleicht ist jemand, der sich gerade einen Scheidungskrieg mit seiner oder seinem Perdu-Liebsten liefert, dankbar für ein so rosawolkenfreies Angebot. Vielleicht fühlt er sich endlich einmal verstanden und unterstützt. Klarer Fall, klare Worte. Kein seichtes Geplänkel. Doch für einen normal liebenden Menschen wie mich ist dieser Werbespot ein Schlag ins Gesicht. Ich weiss schon, dass im Schnitt jede zweite Schweizer Ehe geschieden wird. Der Schnitt ist mir aber egal. Es passieren ja auch jeden Tag dutzende Unfälle – und ich fahre trotzdem seit Jahren unfallfrei. (Mein Mann übrigens auch!) Aber das nur am Rande. Ich armer Idealist werde also am frühen Morgen von einem solchen Dienstleistungsangebot aus dem Schlaf in den Tag geprügelt. Muss das sein? Wenn es um Geld geht, fragt keiner nach Gefühl. Und offenbar ist die Sache lukrativ: Die Wohnungsnot ist so gross und die Scheidungsraten sind so hoch, dass es scheinbar eine gute Idee ist, beide Sachverhalte miteinander zu verknüpfen und damit zu werben. Ganz einfach: Ehe entzwei, wird 'ne grosse Wohnung frei, da winkt Zaster ei ei ei – was ist schon dabei? Vermutlich sind die geschiedenen Leute nicht einmal besonders wählerisch, was die Konditionen anbetrifft. Hauptsache, schnell weg mit allem, was an die gemeinsame Zeit erinnert. Und der Makler kichert in seine schmierigen Handflächen.

Was ich nicht weiss…

Wenn ich mir vorstelle, wir hätten das Angebot, eine «Scheidungswohnung» oder ein «Scheidungshaus» zu kaufen – ganz günstig, nahe an der Stadt und mit Garten. Ich glaube, wir würden die Immobilie trotzdem nicht nehmen. Oder vielmehr: Genau deswegen würden wir sie nicht wollen. Wir würden schliesslich auch keine Wohnung mieten, von der wir wüssten, dass dort einmal jemand gestorben ist. Nur weiss man so etwas im Normalfall nicht. Es braucht allerdings nicht mehr als einen geschmacklosen Spot – und schon hat man das Bedürfnis, mal etwas genauer nachzufragen … Aber mal Empörung beiseite: Eigentlich könnte man aus diesem Ansatz doch noch etwas machen. Zum Beispiel eine Kinderspielzeugbörse für Scheidungskinder. Da könnten die Eltern das verkaufen, was in der kleineren Wohnung des von nun an alleinerziehenden Elternteils keinen Platz mehr hat. Oder endlich das Puppenhaus verscherbeln, das die gehasste Schwiegermutter geschenkt hat. Oder wie wäre es mit einer Autovermietung, die 50 Prozent Rabatt gibt, wenn man nachweisen kann, dass der Ehepartner mit der Familienkutsche durchgebrannt ist? Werbung braucht ja nicht geschmackvoll sein. Sie muss nur einschlagen. Frei nach dem Motto: «Aber dein Scheiden macht, dass mir das Herze lacht.»
 

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