Aufgespiesst: Lieber stumm als dumm
Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über Taube, Stumme und Blinde als Rettung für die Kommunikationsbranche.
Die Sätze, die manche Moderatoren und Nachrichtensprecher aus Funk und Fernsehen in den Äther schicken, scheinen oft selbst nicht zu wissen, welche Bedeutung sie transportieren sollen. Verängstigt hocken sie sich in einen dunklen Winkel des Hörer- oder Zuschauergehirns und hoffen, dass niemand sie wahrgenommen hat. Moderatoren, Sprecher und Sender hoffen das Gleiche. Manch eine Pressemeldung und eine ganze Menge Marketing-Mails erwecken den Eindruck, als seien sie von taubstummen Legasthenikern verfasst worden. Zuweilen muten sogar computergenerierte Spammails korrekter und kreativer an als nicht mehr zu rettende Werbeversuche aus der Probierküche des Marketings. Vergleichen Sie einmal die fol genden beiden E-Mails aus meinem Posteingang: «Wir empfehlen Ihnen, pdf Attached Datei öffnen, und wenden Sie sich für Ihr Agent Lotteriegewinn. Mit freundlichen Grüssen, Management.» Das war die erste. Die zweite: «Geschätzte Kommunikations Fachleute, Tunesien zeigt ein starkes Wachstum im Bezug auf Urlaubsziel. Die Lage ist stabil und ruhig. Tunesien präsentiert sich als gastfreundliches Mittelmeer- Ferienland.»
Beide Mails ähneln sich ziemlich. Und genau das ist das Erschreckende. Denn die erste ist irgendein automatisch erzeugter, babelfishiger Buchstabenmüll, die zweite wurde immerhin vom Kommunikationsverantwortlichen des tunesischen Verkehrsbüros (gemeint ist vermutlich das Fremdenverkehrsbüro) in der Schweiz verfasst, ganz offenbar unter Schweiss und Tränen. Maschine gegen Mensch. Trotzdem liegen beide Werke mittelmässig zarter Gebrauchslyrik auf gleicher Höhe, was Lesbarkeit, Verständlichkeit und das Erreichen von Aufmerksamkeit anbetrifft: nichts verstanden, sofort gelöscht.
Buchstaben-Gehackt’s ohne Hörnli
Manche Marketing-Mails sind also schlechter formuliert und fehlerhafter als das Sprach-Kuddelmuddel aus einem Übersetzungs- oder Text-Generierungs- Tool. Gäbe es einen Weg, bereits das Entstehen solchen Wort-Hachés zu verhindern, damit es mir in Zukunft keine Zeit mehr raubt? Es gibt ihn! Die Lösung kommt aus dem Drogenmilieu – aber nicht, was Sie denken. Marco Tulio López ist Sicherheitsminister der mexikanischen Kolonialstadt Oaxaca. Und der hatte die zündende Idee: Seit acht Monaten werden in Südmexiko gehörlose Polizisten zur Verbrechensbekämpfung eingesetzt. Nicht, weil Weghören und die Hand dafür Aufhalten nun auch ganz offiziell eine mexikanische Ermittlungstaktik ist, sondern weil Taubstumme die diversen Überwachungsmonitore im Polizeipräsidium von Oaxaca viel aufmerksamer beobachten als hörende Polizisten. Die werden nämlich durch Gespräche und Geräusche abgelenkt. Angeblich entdecken die Hörbehinderten Delikte sogar, BEVOR sie begangen werden. Weil sie auf Verhaltensweisen und Körpersprache von Verdächtigen achten. Na, das ist ja mal was.
Ruhe ohne Sturm
Was das mit den Schreck-Sätzen der Nachrichtensprecher und den verkorksten Werbe-Mails zu tun hat? Nun ja: Taube Journalisten wären gefeit vor den um sich greifenden Sprach-Verhunzungen à la «das macht Sinn». Ihre Sprache würde sich nicht so schnell am öffentlichen Dummgeschwätz anstecken. Blinde Fernsehleute würden sich wenigstens einmal selbst zuhören und – so stünde zu hoffen –, nachdem sie sich erholt haben, weniger Blödsinn reden. Und stumme Radiomacher wären manchmal auch ein Segen. Beziehungsweise meistens.
