Aufgespiesst: Informationsleck als Reisesouvenir
Werbewoche-Redaktorin Anne-Friederike Heinrich über die Abnahme der Neuronenbildung im Hippocampus durch Flugreisen – oder schlichter: über Jetlag und Vergesslichkeit.
Also gut, wenn man Anfang des Jahres vier Wochen auf Reisen gehen muss, während alle anderen normalen Menschen arbeiten, ist man selbst schuld. Während der Sommerpause bleibt die Zeit ein wenig stehen, für alle. Auch das Postfach füllt sich kaum, selbst wenn man auf eine Urlaubsfunktion verzichtet. Bricht man aber mit dem Common Sense und urlaubt im Februar, gibt es kein langsames wieder Warmlaufen, keine Schonfrist, keine Gnade.
Die perfide Strafe für vier Wochen Genuss und hundertprozentiges Abschalten ist das Gefühl, am ersten Arbeitstag alles, aber wirklich alles vergessen zu haben. Wie ein Kind, das laufen lernt. Allerdings mit 35 Jahren. Am Stock. Na toll.
Zuerst fahre ich mit dem Lift ins falsche Stockwerk. Na ja, das kann ja mal passieren. Mein Büro finde ich ohne Mühe, aber wer sind all die Leute, die da herumlaufen? Chef?? Auf meinem Pult liegt neben einer schmutzigen Fremdtasse ein Stapel Zeitungen und ich habe keine Ahnung, was drinsteht. Gibt es schon wieder eine Krise? Fährt Blocher jetzt den Pfuusbus von Pfarrer Sieber? Moderiert Schawinski neu DRS 1? Nur von Grusel-Gaddafis jüngsten Hirnverbranntheiten habe ich gehört. Vor diesem wüsten Sohn kann man nicht einmal im Regenwald abtauchen.
Zum Glück habe ich gute Kollegen, die sich für ein Update der verlorenen Mitarbeiterin nicht zu schade sind: Der Saubermann Guttenberg hat bei seiner Diss beschissen, Schluss machen darf man jetzt auch per SMS und der Gottschalk will nicht mehr «Wetten, dass …?». Danke, Jungs. Noch dringender bräuchte ich allerdings folgende Informationen: Welcher Tag ist heute? Wie spät ist es? Wann erscheint die nächste Ausgabe? Muss ich dafür noch etwas schreiben und warum bin ich überhaupt hier?? Wie geht mein Rechner an? Wo habe ich den Schlüssel für meinen Schreibtisch deponiert? Und wer verrät mir mein Passwort – das ich zwar schlaufuchsmässig auf einem Zettel notiert habe, der aber im Schreibtisch liegt, der abgeschlossen ist und der Schlüssel … Aber das erwähnte ich ja bereits.
Zum Glück liegt mein Brieföffner immer auf meinem Pult. Wofür ein Schlüssel, wenn es mit Gewalt geht?! Doch die Reue folgt auf dem Fusse: 500 Mails, och neeee. Aber vielleicht holen die mich wieder ins Hier und Jetzt. «Dear President & CEO», lese ich. Wurde ich befördert und hab’s vergessen? Ausserdem schreibt mir Dr. Axel Lehmann «aus Harlesden, North West London, hier in England ». Hier in England? Bin ich vielleicht am falschen Arbeitsplatz?? Das würde einiges erklären, zum Beispiel die Sache mit den Leuten in meinem Büro, die ich noch nie gesehen habe. «Die Wahl der Kontaktaufnahme mit Ihnen ist aus der geographischen Natur», schreibt Herr Lehmann weiter. Das ist mir zu hoch, ich brauche einen Kaffee.
Doch in der Küche erwartet mich schon das nächste Desaster. Was war noch einmal zu tun, wenn dieses Lämpchen an der Kaffeemaschine blinkt? «Selamat datang», schiesst es mir durch den Kopf. Das ist malaiisch und bedeutet «Herzlich willkommen». Keine Ahnung, warum mir das gerade jetzt einfällt.
