Aufgespiesst: Ich geh mit meiner Agenda, und meine Agenda mit mir

Werbewoche-Redaktorin Anne-Friederike Heinrich über neue Trends und alte Eisen.

Endlich wissen wir, was alles «out» ist: Die Schreib¬maschine ist es bereits unwiderruflich. Und die Compact-Disc, der USB-Stick, das sogenannte Rolodex (diese Rotationskartei für Visitenkarten, an der man beim Telefonieren so wunderbar herum¬spielen konnte), der Notizkalender, der Taschen¬rechner, das Schreibtischtelefon, der Papierkübel, der Aktenvernichter und der Desktop-PC stehen direkt vor dem Abgrund. Und werden morgen alle einen Schritt weiter sein.

Sie hängen an mindestens vier dieser zehn Dinge, benutzen sie täglich und können sich ein Leben ohne ganz schlecht vorstellen? Dann geht es Ihnen wie mir – und wir gehören zum alten Eisen. Erlaubt hat sich diese unverschämte Feststellung Pixmania-PRO, ein Bürogerätevertrieb mit Sitz in Paris. Dieses Unterneh¬men hat seine Verkaufszahlen analysiert und daraus eine schwarze Abschussliste der Büroveteranen zu¬sammengestellt, die künftig aus dem Verkaufskatalog zu tilgen sind. Das heisst, dass es für Sie bald sehr peinlich werden kann, wenn Ihre Enkel Ihre Taschen-agenda entdecken. Überlegen Sie sich schon mal ein cleveres Versteck. Oder wenigstens eine gute Ausrede.

Beruhigend ist: Wo Altes abstirbt, keimt Neues nach. Pixmania-PRO sieht zum Beispiel den Eco-Button kommen, ein Gerät, das via USB-Anschluss anzeigt, wenn Ihr Computer längere Zeit inaktiv war. Das soll Sie zum Umschalten auf Standby animieren. Na toll. Nun blinken nicht nur mein Postfach, Twitter und Xing, nun blinkt auch noch mein kompletter Computer, wenn er ein Nickerchen einlegen möchte. Eine super Idee, die sich ganz bestimmt ganz schnell durchsetzen wird. Da lob ich mir doch meine Leder-agenda (mit Offline-Adressbuch!). Und die gute alte Schreibmaschine. Die verbrauchte nämlich gar keinen Strom. Auch nicht fürs Blinken.

Die Vergangenheit ist manchmal die Zukunft

Verglichen mit dem alten Gerümpel brutal «in» oder wenigstens in aller Munde sind dagegen Augmented-Reality, Social Media, Cloud-Computing und Tablet-PCs. Allerdings hat all dieses technische Gedöns auch Macken. Für den Schreiber die schlimmste ist, dass jedes Wort laut Duden (das ist dieses gelbe Buch auf Ihrem Schreibtisch mit der dicken Staubschicht oben drauf) einen Bindestrich braucht. Aber es geht noch dramatischer: Augmented-Reality setzt sich nicht recht durch, weil niemand eine Idee hat, wie man die neuen Möglichkeiten clever und jenseits überflüssiger Spielerei einsetzen kann. Social Media spalten die Menschheit in Liebhaber und Hasser, Gläubige und Ungläubige, User und Ignorierer. Und auf einem tiefen Spalt hat noch niemand einen Wolkenkratzer gebaut. Was Cloud-Computing ist, hat sich bisher nur nebulös herumgesprochen, Wolke 7 der Datenspeicherung ist also noch weit entfernt. Und Tablet-PCs haben Probleme mit ihren Lesern. Die sind nämlich total unkonzentriert und checken nicht mehr, was sie lesen. Donnerwetter.

Diesen irrsinnigen Intellektverfall hat der US-Verlag Bonnier durch eine Studie herausgefunden. Bonnier gibt Titel wie «Popular Science» heraus und hat festgestellt, dass Tablet-User beim Lesen eines Artikels nebenbei E-mailen, Spiele spielen oder ande¬re Meldungen lesen. Ungeheuerlich. Dürfen die das? Jetzt mal ganz ruhig, liebe Bonniers. Das alles muss nicht heissen, dass Leser einen Text nicht zuende lesen, und auch nicht, dass sie nicht begreifen, was drinsteht. Schon mal was von Multitasking gehört? (Das ist heutzutage auch «in».) Aber Bonnier hat gar keine Angst um seine Leser. Die Studie diente dazu, neue Werbeformen für Tablets zu kreieren. Von daher weht der Wind. Natürlich wünschen sich Werbetreibende nicht die halbe, sondern die volle Ablenkung von Inhalten. Aber sie haben nicht mit der Cleverness ihrer Leser gerechnet. Wenn es denen zu bunt wird, können sie ihr Tablet nämlich auch einfach zum Servieren des Drei-Uhr-Tees benutzen. Das – und das muss ich neidlos eingestehen – geht mit meiner Taschenagenda nicht.
 

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