Aufgespiesst: Die sechste Macht

Chefredaktor-Stv. Andreas Panzeri über Satire, Realsatire und Medien.

Die Pointe sitzt: «Nach Absprung des Sponsors – nur billige Gags». Mit dieser Headline versuchte Blick online diese Woche die Sendung «Giacobbo/ Müller» in die Pfanne zu hauen. Aufhänger für die Kritik war der Umstand, dass der Publikumserfolg «Late Service public» im November seinen Sponsor verloren hat. Die Mobiliar, die seit 2008 mit ihren «Schadenskizzen» für einen bereits witzigen Vorspann bei Fröilein Da Capo sorgt, will in Zukunft ihre geschätzten 200'000 Franken neu in einem Abenteuer-Format «Homerun» investieren. Ausgestrahlt wird dieses auf Sat 1 Schweiz. Und damit bei einem Medienprodukt von Ringier. Bei einer jüngeren Zielgruppe soll dort «MobiJeunes» promoted werden. Das macht mediastrategisch durchwegs Sinn. Trotzdem wollte offenbar Nutzniesser Ringier aus dem Deal noch ein bisschen mehr herausholen und gleich die ganze Sendung der Konkurrenz zum Opfer einer Schadenskizze machen.

«Giacobbo/ Müller haben wegen diesem Wegfall des Sponsors kein Geld mehr für gute Pointen.» Tatsächlich hat Blick mit dieser Berechnung selbst einen lustigen Scherz on air gebracht. Stimmen tut der Onliner allerdings wenig. Nicht nur, weil die Pointen-Schreiber bei SRF sehr wenig verdienen. Die Redaktion Satire wird trotzdem in der Konstanz eines Sperrfeuers von Werbetextern bombardiert, die unbedingt für die Show «Giacobbo/Müller» kreativ sein wollen. Das weiss natürlich auch der Schreiberling von Blick. Und vielleicht hat er sich mit seiner Pointe «nur (noch) billige Gags» selber für den Job bewerben wollen.

Böser könnte man allerdings auch interpretieren: Hier wird eine neue Kampagne gestartet. Denn zum Artikel hat Blick.ch gleich auch dazu aufgerufen, dass ihre Leserschaft Ideen für eine bessere Satire einreichen soll. Ein paar Twitter sind bereits als Diskussionsanreger in die Kritik eingebaut worden. «Langatmig und dröge», findet ein erster User. Andererseits findet Frank Baumann die Sendung nach wie vor gut, obwohl er «schon länger nicht mehr eingeschaltet hat». Spielt ja auch keine Rolle für die Meinungsbildung, Hauptsache, man hat etwas zu sagen. Und das ist vielleicht der entscheidende Punkt auch dieser Kolumne. Man will etwas zu sagen haben! Früher galt die Legislative als die erste Macht im Staat. Die zweite war die Exekutive. Als dritte Kraft hat man über Jahre die Zeitungen gezählt.

Diese Wertung hat sich inzwischen mit der fortschreitenden Fragmentierung der Medien immer mehr verwässert. Facebook und Twitter ist dazugekommen und Social Media muss inzwischen als eine immer stärker auftretende vierte Macht bezeichnet werden. Die Satire wäre dann die fünfte. Aber die Grenzen sind verschwommen. Günther Jauch talkt mit seinen Gästen in der ARD aus einer Kuppel, die in der Wirkung um einiges grösser als ihr architektonisches Vorbild im Bundestag ist. Die Politik wird noch nicht bei Jauch gemacht. Sie bekommt in dieser Sendung aber die Weihen einer breiten Akzeptanz. Da musste die Bildzeitung natürlich auch wieder einmal zeigen, wer der Herr im Staate ist. Wulff ist wohl zu Recht gegangen worden. Aber es waren nicht die Politiker, die dafür gesorgt haben. Und wer in der Schweiz das grosse Sagen hat, wird ja ebenfalls in einem Medium – der Nummer 1 – mit der Sendung «Roger gegen Roger» entschieden. Und dieses Format zeigt: Als eine nicht zu unterschätzende sechste Macht im Staat wird bei der heutigen Entwicklung der Medien immer mehr auch die Realsatire zum Spielen kommen. 

More articles on the topic