Aufgespiesst: Das gute Geschäft mit der Schuld

Werbewoche-Redaktorin Anne-Friederike Heinrich über Wintimacy, die Suche nach menschlicher Wärme in den Wintermonaten.

Gott sei Dank ist Weihnachten vorüber! Denn das Fest der Liebe kann Ihre Gesundheit gefährden. Besonders viel Krach gibt es, wenn die heiligen Tage das Wochenende unnötig verlängern, was 2010 glücklicherweise nicht der Fall war. Die Stapo Zürich musste über die Weihnachtsfeiertage zwar ausrücken, weil Ochs und Esel sich wieder einmal die Schädel einzuschlagen drohten, das aber nur sechsmal. Heiliger Bimbam!

Nicht nur wegen der unerwünschten Nähe zur Familie kann der Haussegen schiefhängen, sondern vor allem, wenn nicht die richtigen Geschenke unter dem Baum liegen. Deshalb liess sich der Versandhändler Forzieri eine ganz besonders weihnachtliche Werbeaktion einfallen: Zwei Tage vor dem Fest machte der Markenversand per E-Mail auf seine Weihnachtsaktion «Geben Sie uns die Schuld!» aufmerksam: Wer nicht oder zu spät daran gedacht hatte, dass es auch am Ende dieses Jahres wieder Weihnachten wird, konnte bis zum 29. Dezember, 17 Uhr Herzensgaben für die Liebsten ordern. Mit einem beigelegten Kärtchen bat Forzieri den Empfänger dann um Verzeihung für die – huch! – verspätete Lieferung. Ganz so, als hätte nicht der Schenkende geschlampt, sondern der Versand. Und natürlich die Post. «Einfach beim Bestellvorgang ‹Geben Sie uns die Schuld!› anklicken», fertig ist die Ausrede. Eine gleichsam pfiffige wie trostlose Idee, entlarvt sie doch die weit verbreitete Sinn- und Herzlosigkeit der alljährlichen Geschenkeschlacht. In welchem Mass das Geschäft mit der Schuld den Umsatz des Unternehmens anzukurbeln vermochte, war bis Redaktionsschluss nicht in Erfahrung zu bringen. Ebensowenig, wie ein Schuldiger für diese Informationslücke auszumachen war.

Nicht beschenkt zu werden ist schlimm. Besser dran ist, wer irgendein Gerümpel überreicht bekommt, das er partout nicht gebrauchen kann. Denn das kann er einfach wieder verkaufen. Und wer damit beschäftigt ist, seine Geschenke zu versteigern, hat auch keine Zeit für Streit. Apropos: Brauchen Sie noch ein paar violette Socken? Auf Ricardo.ch werden jedes Jahr nach Weihnachten mehr Krawatten und Modellflieger, Videospiele und Golduhren vertickt als während des gesamten Rests des Jahres. Süsser die Kassen nie klingen!

Immerhin: Beim Shopping, egal ob beim pünktlichen oder beim verspäteten, kommen religiöse Gefühle auf. Das konnte der dänische Markenberater Martin Lindstrom kürzlich belegen – mit einer Studie, die aufwändig gewesen sein soll und vermutlich kostspielig war. Beim Einkaufen wird die gleiche Hirnregion stimuliert wie beim Beten. Jesus ¬Maria! Womit wir wieder bei Weihnachten wären. Die alljährliche Weihnachtskonsumschlacht ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Denn nicht jeder, der Heiligabend noch vor Pfarrers Segen einpennt, lässt auch im Kaufhauswunderland mal ein wenig Er¬müdung zu.

Wem 2010 weder beten noch kaufen halfen, um sein Herzblatt zufriedenzustellen, sollte es 2011 mal mit Online-Partnersuche probieren. Bei den Internet-Liebesvermittlern wird seit Silvester kontaktiert und gedated, dass die Maus brennt. Elitepartner.ch erwartet im Januar 100 Prozent mehr Neuanmeldungen als in durchschnittlichen Monaten. ¬Mutter Gottes! Wenn Sie zur Weihnachtszeit dann ein Schätzchen haben sollten, vergessen Sie aber bloss die Weihnachtsgeschenke nicht. Sonst hilft nur noch beten.
 

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