Aufgespiesst: Branding – gar föhrchterlich
Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über Branding auf der falschen Seite der Schmerzgrenze.
Auch wenn es Frau Rickli missfallen wird: Wir schauen heute einmal über Tellerrand und Grenze. Ennet stöbern wir im sprachlichen Horrorkabinett eines unserer nördlichsten Nachbarländer, der Nordseeinsel Föhr. «Endlich Föhrien!», proklamieren die Insulaner zur bevorstehenden Urlaubszeit, und ich finde das noch pfiffig – beim ersten Lesen des Inselkatalogs, von feinem Wein leicht angesäuselt, gut gestimmt und auf Ferien gepolt. Aber bereits beim zweiten Durchblättern des Werbewerks geht mir der Claim gehörig auf den Wecker. Mein auf klare Worte und korrekte Wörter getrimmtes Auge zuckt, sobald es den Ausruf streift, und signalisiert mir einen schmerzhaften Fehlfunk im Gehirn.
Witzigkeit kennt kein Pardon
Noch bevor ich verschnaufen kann, holen die Föhringer zum nächsten Schlag aus: «Föhr Kids», lese ich, und mir ist, als hätte ich eine Fischvergiftung. Es ist ja bemerkenswert, dass man nicht nur für den Urlaub mit Hund, sondern auch für den mit Kind Gestaltungsvorschläge findet. Aber muss das wirklich unter diesem Wortgeschwür sein? Entgegen jeder Hoffnung ist es damit immer noch nicht vorbei. Einige der sonst mit Worten und Witzen eher zurückhaltenden Insulaner haben ihr Marketing selbst in die Hand genommen. Brav penetrieren sie die flotte Wortjonglage ihres Tourismusverbands im (und für das) private(n) Kämmerlein weiter: Sie bieten ihre «Föhrienwohnung» feil. Oh weia! Das tut weh bis in die Gräten. Auf der anderen Seite erleichtert uns dieser Sprachkrampf die Auswahl unserer Unterkunft. Denn eine «Föhrienwohnung » mieten wir ganz sicher nicht. Zum Glück ist niemand auf die Idee gekommen, einen «Föhranstaltungskalender» zusammenzustellen, uns zum «Radföhren» zu drängen oder uns mit der «Föhre» auf die Insel übersetzen zu wollen. Sonst würde ich mir nämlich noch einmal überlegen, ob wir die Ferien wirklich in der Friesischen Karibik verbringen wollen. Schliesslich befindet sich unser Sohn gerade in der heissesten Phase des Spracherwerbs. Watt?! Andererseits: Hans Christian Andersen hat der Aufenthalt bei den Inselaffen auch nicht geschadet. Würde man ja wohl merken, wenn der Dichter sprachlich nicht ganz dicht wäre.
Schwimmen oder Baden
Genauso auf die Nerven geht mir übrigens schon seit geraumer Zeit der Slogan des Grandcasino Baden (womit wir, Frau Rickli, Gott sei Dank!, wieder diesseits der Grenze wären): «Baden im Glück.» Klar hat da ein Texter mal eine flotte Idee gehabt und sie in ein locker-flockiges Wortspiel gegossen. Aber ist das wirklich so grandios, dass man sechs Jahre lang damit werben muss? Oder war der kleine Einfall so teuer? Auch Anouk Manser kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Glücks-Claim längst totgenudelt ist. Wie wäre es also mal mit einem neuen Sprüchlein, damit das Grandcasino werbetechnisch nicht bald baden geht? Zum Beispiel passend zur Badesaison: «Baden ist wundervoll.» Diesen Slogan könnte man ebenfalls prima sexistisch ausschlachten. Manser im Bikini ist sicher auch nicht unappetitlich. Aber das muss dann natürlich wieder jemand ausbaden …
