Aufgefallen: Zu viel Espresso schadet dem Herzen. Manchmal auch dem Hirn.

AufgefallenZu viel Espresso schadet dem Herzen. Manchmal auch dem Hirn. Gefährdet sind vor allem regelmässige, so genannte Lavazzianer. Dass ihre Zahl jährlich zunimmt, belegt unter anderem der Erfolg des Kalenders «Espresso & Fun», den der

Aufgefallen Zu viel Espresso schadet dem Herzen. Manchmal auch dem Hirn. Gefährdet sind vor allem regelmässige, so genannte Lavazzianer. Dass ihre Zahl jährlich zunimmt, belegt unter anderem der Erfolg des Kalenders «Espresso & Fun», den der Fotokünstler David LaChapelle dieses Jahr im Auftrag der italienischen Kaffeemarke realisiert hat. Die 2002er-Ausgabe enthält knallig-phallistisch-ölverschmierte und farbenfrohe Impressionen, die viel über die Bedürfnisse des Homo sapiens, vulgo Macho, aussagen. Eine Kostprobe von La-Chapelles Fotos tauchte dieser Tage im Le Figaro Magazin in Form einer Anzeige auf. Lust auf mehr? Auf www.espressoandfun .com klicken und zuvor einen Lavazza trinken. Zwecks Erweiterung der Herzkranz- und, psst!, der Hirngefässe. Chandra Kurt
Kolumne

Einbildung von Liz Sutter
Filme auf Zelluloid gibt es seit etwas mehr als hundert Jahren. Filme im Kopf gibt es, seit Menschen träumen. Und seit man Bücher kaufen kann, wird für das Lesen geworben, weil sich damit jeder seinen eigenen Kopffilm basteln kann. Warum zahlreiche Filmkritiker ausgerechnet beim Kinostart von «Harry Potter und der Stein der Weisen» diesen hinlänglich bekannten Sachverhalt so stark betonen, ist nicht einsehbar. Noch weniger, warum manche geradezu beleidigt bemerken, die Bilder, die Chris Columbus ihnen serviere, deckten sich nicht mit ihren eigenen Vorstellungen.
Manchmal können einen die Bilder im Kopf auch reinlegen: Für einen Artikel über improvisierte Sonnenhüte suchte ich eine Zeichnung von einem Mann, der ein Taschentuch auf dem Kopf trägt. Ich hatte sie gesehen, aber wo? Klar! Im Magazin, in einem Essay von Thomas Hürlimann über Gottfried Keller. Fieberhaft blätterte ich das Heft durch. Nichts. Nur irgendwo im Text ein Kellner, der sich über den Gast auf der Terrasse lustig macht: «Gezipfeltes Nastuch auf dem Grind!» Das passende Bild hatte ich mir einfach eingebildet. Hoffentlich, so dachte ich, muss ich nie eine Zeugenaussage machen.
«Nehmt ihm die Waffe weg! Holt endlich die Polizei!», hörte ich von der Strasse herauf. Ich stürzte ans Fenster, sah zwei ineinander verkeilte Männer, Blut auf dem Asphalt. «Bitte, kommen Sie schnell!», schnatterte ich ins Telefon. Die Aussage, die ich später zu Protokoll gab, war völlig falsch. Für mich war eindeutig der Überlegene der Böse. Ich hatte nicht gesehen, wie es dem Opfer gelungen war, den Angreifer zu überwältigen. Den Ruf nach der Polizei hatte ich dem Falschen zugeordnet, also die Sprechblase falsch platziert. Offensichtlich muss man nicht nur allen gedruckten, gesendeten und eingebildeten Bildern misstrauen, sondern schlicht allem, was man sieht. Also: Augen zu und durch.
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Liz Sutter ist Journalistin.
Sprachbeobachter

Es
Es ist kalt. Es ist gleich vorbei. Es ist Zeit zu gehen. – Als die Schriftstellerin Yoko Tawada von Tokio nach Hamburg zieht und dort Deutsch lernt, fällt ihr ein Wörtchen auf, das es im Japanischen nicht gibt: Es.
Sie schlägt im Lehrbuch nach, und da steht, dass es gar nichts bedeutet, dass es bloss eine grammatikalische Lücke füllt, da ohne es das Subjekt des Satzes fehlt, und da es im Deutschen keine Sätze ohne Subjekt gibt, springt es eben ein.
Im Übrigen ist es ein Pronomen. Beispiel: «Das Haus war so klein, dass es aus dieser Entfernung kaum zu sehen war.» Hier gibt es sich eindeutig zu erkennen. Es steht als Platzhalter für das Haus, für ein Nomen, weshalb es auch Pronomen heisst. Aber in einem Satz wie «Es war kurz vor elf, als der Fremde am Bahnhof ankam.»? Wofür steht Es hier? Für die Zeit? Oder: «Es sah aus, als würde es gleich regnen.» Wofür steht das erste Es? Wofür das zweite? Steht das zweite für das erste? Oder stehen sie für Verschiedenes?
Wenn jemand sagt «es regnet», dann entsteht etwas, das Wasser auf die Erde tropfen lässt. Wenn «es jemand gut geht», dann ist da etwas, das dazu beiträgt. «Es ist möglich, dass du morgen stirbst.» Wer hat diese Möglichkeit geschaffen? Gott? Der Zufall? Das Schicksal? Das Leben in seiner Unergründlichkeit? Die Gesetze der Physik?
Wir gelangen rasch zu den letzten Fragen, wenn wir über das kleine Wörtchen nachdenken, das so bescheiden in seiner grammatikalischen Lücke lebt. Es vegetiert unerkannt unter zahlreichen Namen, es amtiert als gewissenhafter Platzhalter, als Variable, als Unbekannte, als das X unzähliger Gleichungen. Es ist immer auf der Suche nach seiner Lösung, nach seinem Wert, seiner Bestimmung. Dabei verwandelt es sich bei jedem Satz in etwas anderes.
In der Schöpfungsgeschichte steht: «Es werde Licht.» Und es ward Licht. Nach der Bibel («Im Anfang war das Wort») steht es für das Wort, das sich an jedem Schöpfungstag in reale Dinge umformte und so die Wirklichkeit auf der Erde schuf: «Es ward Abend, und es ward Morgen…»
Ob am Anfang das Wort war oder die Kraft, der Urknall oder das Chaos, Tat, Kraft oder Sinn, Vernunft, Zufall oder göttliche Fügung: Es ward Licht. Bis zu diesem kleinen Wörtchen können wir im Deutschen denken, dahinter beginnt die Spekulation.
Sigmund Freud hat das wohl geahnt, als er die Psyche des Menschen in Über-Ich, Ich und Es aufteilte. Das Über-Ich ist durch die moralischen Gesetze der Zivilisation bestimmt. Das Ich ist das Subjektive und deshalb immer im Sandwich. Das Es wird gebildet durch das Ursprüngliche, die Triebe, das Animalische, das Unklare, das, was wir nicht wissen können – und vielleicht auch gar nicht wissen wollen.
Wie ist es möglich, dass eine Sprache wie das Japanische ohne das Wörtchen Es auskommt? Beat Gloor, www.textcontrol.ch

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