Auf zwei Beinen

Gastkommentar Die Koran-Affäre und die Informanten: Peter Studer erinnert an die «Zweiquellenregel».

Gastkommentar Die Koran-Affäre und die Informanten: Peter Studer erinnert an die «Zweiquellenregel».Wieder einmal hat ein Streit über Medienwirkung und -ethik die US-Öffentlichkeit entzweit und auch weit darüber hinaus zu reden gegeben. Es geht um ein Dutzend Worte in einer Newsweek-Meldung: «Quellen sagen, dass Verhörspezialisten einen Koran die Toilette hinuntergespült haben, um Gefangene zu demütigen.» Der Satz löste gewalttätige Demonstrationen aus; in Afghanistan starben 17 Menschen. Newsweek zog den Text ein paar Tage später unter Druck des Weissen Hauses zurück, weil sich die (einzige) anonyme Quelle am Ende nicht mehr sicher war, wo sie die Information aufgeschnappt hatte.Inzwischen hat sich die Debatte längst verselbstständigt. Liberale Kommentatoren schimpfen Newsweeks Chefredaktor ein Weichei, während konservative auf die «unpatriotischen Ostküstenmedien» einprügeln. Die New York Times antwortet mit Auszügen aus vertraulichen FBI-Berichten, die US-Folterpraktiken detailliert belegten – allerdings anno 2002.
Doch fragen wir lieber, was konkret schief gelaufen ist und ob sich Schweizer Medien Ähnliches vorwerfen lassen müss(t)en. Newsweek zitierte zwar Quellen, hatte aber nur eine. Das erstaunt, denn die Erfolgsbasis des Mutterhauses Washington Post war bislang die «Zweiquellenregel»; nur unter dieser Voraussetzung wollte das Blatt die Skandalindizien rund um «Watergate» publizieren. Es ist legitim, Bushs geheimniskrämerische, ja manipulatorische Informationspolitik zu geisseln. Aber Medien, die diesen Kampf führen wollen, müssen selber sauber übers Nierenstück sein. Immerhin: Newsweek hatte seine Story dem Pentagon unterbreitet, wo sich niemand an der Koran-Anekdote stiess. Für einen Skandal reicht es also nicht. Ein Fehlverhalten war es dennoch.
In unseren Zeitungen fällt öfter auf, dass zahlreiche Verdächtigungen gedruckt werden, ohne dass zwei – selbst anonyme – Quellen in ihrer Qualität präzis umschrieben sind. (Davon, dass Verdächtigte zu schweren Vorwürfen gar nicht befragt werden, ganz zu schweigen.) Zudem bieten Reporter allzu schnell Anonymität an, nur um einem Informanten weitere Details zu entlocken – selbst wenn dieser die Vertraulichkeit gar nicht verlangt. Es gibt also viel zu verbessern, nicht nur dort, auch hier.
> Peter Studer war Chefredaktor von Tages-Anzeiger und SF DRS. Seit 2001 präsidiert er den Schweizer Presserat.

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