Asterix allein gegen Amerika
Grosse Töne hatte Frankreich gegen Google angeschlagen, dann gaben seine Verleger ziemlich klein bei. Die Buchbranche kämpft gegen Amazon, und die Justiz will Daten von Twitter. Von Jürg Altwegg
Auch in Frankreich laufen mehr als 90 Prozent aller Suchanfragen über Google, 40 Prozent ihrer Verlinkungen verdanken die Zeitungen der Suchmaschine. Schon Sarkozy drohte mit einer «Google-Steuer». Im Gegenzug investierte der USKonzern 100 Millionen in einen neuen Firmensitz in Paris. Doch der Kleinkrieg eskalierte schnell wieder. Der zu den grössten Internet-Anbietern gehörende (französische) Konzern Free, der die monopolistische Handy-Gebührenordnung aushebelte und dessen Eigentümer Xavier Niel einer der Grossaktionäre von Le Monde ist, filterte eine Zeitlang bei Google alle kommerziellen Angebot weg. Schon zuvor hatte Google den Zeitungen, die Geld für die Verbreitung ihrer Inhalte fordern, mit einem Boykott gedroht.
Sarkozy-Nachfolger Hollande gab sich noch kämpferischer. Er unterstützte die Verleger und wollte eine Einigung erreichen. Für den Fall eines Scheiterns drohte er mit einem Gesetz. Man weiss inzwischen, wie es kam: Google stiftet einen Fonds mit sechzig Millionen Euro und ist bereit, den Zeitungen Entwicklungshilfe beim Aufbau eines Geschäftsmodells für die digitale Zukunft zu leisten. Darauf spekuliert nicht nur der Figaro aus dem Hause des Flugzeugindustriellen Dassault: Die Zeitung hat sich Anfang April ein neues Kleid und eine neue Struktur zugelegt.
Wie ein Staatschef war die Google-Spitze im Elysée zur Unterzeichnung empfangen worden. Inzwischen gibt es relativ interessante Ansätze für die Besteuerung von Daten, die als neuer Rohstoff angesehen werden. Mit dem Fonds für die Verleger hat Google nicht viel mehr als ein bisschen Zeit gekauft. Mit einer Forderung in ähnlicher Höhe – fünfzig Millionen Franken – wollen die jüdischen Studenten Frankreichs Twitter Beine machen: Ein französisches Gericht hatte das Unternehmen dazu verurteilt, die IP-Adressen von Verfassern antisemitischer, rassistischer und homosexuellenfeindlicher Tweets herauszurücken. Ihnen drohen in Frankreich, wo die verbale Diskriminierung nicht unter das Recht auf eine freie Meinung fällt, hohe Bussen und Gefängnisstrafen. Mit der Geldforderung geht es darum, die Vollstreckung des Urteils durchzusetzen – was Twitter zum Kommentar veranlasst hat, es gehe dem Studentenverband «mehr um spektakuläre Aktionen als um Lösungen», nach denen man gegenwärtig suche.
Im Mutterland der Autorenrechte, das mit seiner «kulturellen Ausnahme» regelmässig mit Amerika in Konflikt gerät, ist jetzt auch Amazon zum Feindbild geworden. Und zwar so sehr, dass Amazon an der Pariser Buchmesse erstmals auf einen eigenen Stand verzichtete, was mit «Imageproblemen » begründet wurde. Auch die Haltung Amazon gegenüber ist leicht schizophren: Man baut dem Grosshändler goldene Brücken, damit er seine Lager eröffnet und Arbeitsplätze schafft, aber gleichzeitig kritisiert man durchaus mit Grund sein Steuerverhalten. Und natürlich seine monopolistische Stellung im Internetbuchhandel, den die französische Buchbranche weitgehend verschlafen hat. Es gibt keine Alternative zu Amazon. Und im Bereich der E-Books zeigt sich, wie sehr das Fehlen von Piraten und Pionieren die gleichen Defizite bewirkt – man hechelt der Entwicklung hinterher. Und wartet auf Massnahmen des Staates. Kulturministerin Aurélie Filippetti hat ein ganzes Paket angekündigt. Die Fantasie- und Ideenlosigkeit ist ernüchternd. Um die akuten Finanzprobleme der Kleinbuchhandlungen zu lindern, schiesst der Staat fünf Millionen ein. Und er verspricht, mehr Beamte mit der Überwachung der Preisbindung zu betrauen. Auch deren Missachtung wird Amazon vorgeworfen, weil er keine Portokosten verrechnet.
Jürg Altwegg ist Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf.
