Arbeitslose produzieren?
Aufgefallen Verleger und Chefredaktoren, die in Krisenzeiten ihre Budgets für Bildung einfrieren, signalisieren damit Selbstaufgabe.
Kolumne Verleger und Chefredaktoren, die in Krisenzeiten ihre Budgets für Bildung einfrieren, signalisieren damit Selbstaufgabe.
Vergangene Woche waren die Diplomprüfungen für Verlagsfachleute. Als ich einem Kollegen davon erzählte, meinte er: «Ach ja, produziert ihr wieder neue Arbeitslose!» Zuerst war ich sauer über diese Bemerkung, dann dankbar.Denn der branchenkundige Mann hat mit seinem reflexartigen Spruch ziemlich genau jene Stimmungslage beschrieben, auf die Unverbesserliche wie ich heute treffen, wenn sie unbeirrt für die Aus- und Weiterbildung von Verlagsfachleuten und Journalisten werben. Gemeint mit solch wegwerfenden Anmerkungen ist zum Beispiel: «Sorgt zuerst mal für jene, die schon auf dem Markt sind.» Manche werden auch denken: «Besser ausgebildete Konkurrenz hat uns gerade noch gefehlt.» Und alle meinen: «Wir haben jetzt wirklich andere Sorgen!»
Dass die Bildungsangebote in kommerzieller und – eingeschränkt – auch in publizistischer Kommunikation zum Teil starke Rückgänge aufweisen, ist eine Tatsache. Spürbar wurde dies vor allem 2003, als sich die Konsequenzen der berüchtigten zweiten Budgetrunden mit aller Brutalität zeigten. «Alle auswärtigen Weiterbildungen gestrichen!», hiess es aus vielen prominenten Verlagshäusern – auch solchen, deren Geschäfte noch gut laufen.
Besonders hart getroffen wurden die Seminare; deutlich weniger berührt waren die eidgenössischen Diplomkurse, zum Beispiel unser neunter für Verlagsfachleute. Die Ursache liegt auf der Hand: Die Kosten der qualifizierenden Lehrgänge tragen mehrheitlich die Nachwuchskräfte. Sie investieren Zeit und Geld in sich selbst, weil sie langfristig denken. Die Betriebe dagegen – zum Glück nicht alle – überlegen immer häufiger immer kurzfristiger.
Dabei lohnt sich die Investition in Aus- und Weiterbildung gerade in schlechten Zeiten. Es ist grundfalsch, solch ein aufs ganze Arbeitsleben angelegtes Projekt von Konjunkturschwankungen abhängig zu machen. Auch aufschieben bringt nichts. Die jungen Menschen fordern ihre Chancen zu Recht jetzt und nicht in drei oder fünf Jahren. Dass sie bereit sind, dafür wesentliche eigene Beiträge zu leisten, beweisen sie heute mehr denn je. Im Medieninstitut wie am MAZ bin ich immer wieder beeindruckt von der Ernsthaftigkeit und Disziplin der Teilnehmenden.
Ausserdem verhält sich der Markt zuweilen freundlicher, als man allgemein glaubt. Im laufenden Diplomkurs etwa waren vorübergehend bis zu 4 von 25 Kolleginnen und Kollegen arbeitslos. Zwei haben unterdessen etwas Neues gefunden, was übrigens meiner Erfahrung aus früheren Kursen entspricht. Üblicherweise kann die Hälfte der erfolgreichen Prüflinge innerhalb eines Jahres neue Verantwortungsbereiche übernehmen, was fast ausnahmslos einer Beförderung entspricht. Dies übrigens nicht nur durch Stellenwechsel, sondern erfreulich häufig auch in der angestammten Firma.
Eine spiegelbildliche Bestätigung für diesen ermutigenden Befund liefert das MAZ, die Schweizer Journalistenschule in Luzern: 80 Prozent von den 54 Frauen und Männern, die im Frühjahr diplomiert worden sind, haben eine Stelle gefunden. Die genauere Nachschau ergab gar, dass überraschend viele nicht irgendeine, sondern die von ihnen wirklich angestrebte Stelle antreten können.
Fazit: Unser verlegerischer und journalistischer Nachwuchs hat sich auch unter erschwerten Bedingungen für Aus- und Weiterbildung entschieden. Jetzt, bevor wieder Budgetrunden mit dem Rasenmäher gedreht werden, ist es an den Chefs, die dazu passenden Signale zu setzen. Wer gerade jetzt in Bildung investiert, leistet den Tatbeweis für seinen Glauben an die eigene Zukunft.
Karl Lüönd plädiert für verlegerische Bildungsinvestitionen.
Vergangene Woche waren die Diplomprüfungen für Verlagsfachleute. Als ich einem Kollegen davon erzählte, meinte er: «Ach ja, produziert ihr wieder neue Arbeitslose!» Zuerst war ich sauer über diese Bemerkung, dann dankbar.Denn der branchenkundige Mann hat mit seinem reflexartigen Spruch ziemlich genau jene Stimmungslage beschrieben, auf die Unverbesserliche wie ich heute treffen, wenn sie unbeirrt für die Aus- und Weiterbildung von Verlagsfachleuten und Journalisten werben. Gemeint mit solch wegwerfenden Anmerkungen ist zum Beispiel: «Sorgt zuerst mal für jene, die schon auf dem Markt sind.» Manche werden auch denken: «Besser ausgebildete Konkurrenz hat uns gerade noch gefehlt.» Und alle meinen: «Wir haben jetzt wirklich andere Sorgen!»
Dass die Bildungsangebote in kommerzieller und – eingeschränkt – auch in publizistischer Kommunikation zum Teil starke Rückgänge aufweisen, ist eine Tatsache. Spürbar wurde dies vor allem 2003, als sich die Konsequenzen der berüchtigten zweiten Budgetrunden mit aller Brutalität zeigten. «Alle auswärtigen Weiterbildungen gestrichen!», hiess es aus vielen prominenten Verlagshäusern – auch solchen, deren Geschäfte noch gut laufen.
Besonders hart getroffen wurden die Seminare; deutlich weniger berührt waren die eidgenössischen Diplomkurse, zum Beispiel unser neunter für Verlagsfachleute. Die Ursache liegt auf der Hand: Die Kosten der qualifizierenden Lehrgänge tragen mehrheitlich die Nachwuchskräfte. Sie investieren Zeit und Geld in sich selbst, weil sie langfristig denken. Die Betriebe dagegen – zum Glück nicht alle – überlegen immer häufiger immer kurzfristiger.
Dabei lohnt sich die Investition in Aus- und Weiterbildung gerade in schlechten Zeiten. Es ist grundfalsch, solch ein aufs ganze Arbeitsleben angelegtes Projekt von Konjunkturschwankungen abhängig zu machen. Auch aufschieben bringt nichts. Die jungen Menschen fordern ihre Chancen zu Recht jetzt und nicht in drei oder fünf Jahren. Dass sie bereit sind, dafür wesentliche eigene Beiträge zu leisten, beweisen sie heute mehr denn je. Im Medieninstitut wie am MAZ bin ich immer wieder beeindruckt von der Ernsthaftigkeit und Disziplin der Teilnehmenden.
Ausserdem verhält sich der Markt zuweilen freundlicher, als man allgemein glaubt. Im laufenden Diplomkurs etwa waren vorübergehend bis zu 4 von 25 Kolleginnen und Kollegen arbeitslos. Zwei haben unterdessen etwas Neues gefunden, was übrigens meiner Erfahrung aus früheren Kursen entspricht. Üblicherweise kann die Hälfte der erfolgreichen Prüflinge innerhalb eines Jahres neue Verantwortungsbereiche übernehmen, was fast ausnahmslos einer Beförderung entspricht. Dies übrigens nicht nur durch Stellenwechsel, sondern erfreulich häufig auch in der angestammten Firma.
Eine spiegelbildliche Bestätigung für diesen ermutigenden Befund liefert das MAZ, die Schweizer Journalistenschule in Luzern: 80 Prozent von den 54 Frauen und Männern, die im Frühjahr diplomiert worden sind, haben eine Stelle gefunden. Die genauere Nachschau ergab gar, dass überraschend viele nicht irgendeine, sondern die von ihnen wirklich angestrebte Stelle antreten können.
Fazit: Unser verlegerischer und journalistischer Nachwuchs hat sich auch unter erschwerten Bedingungen für Aus- und Weiterbildung entschieden. Jetzt, bevor wieder Budgetrunden mit dem Rasenmäher gedreht werden, ist es an den Chefs, die dazu passenden Signale zu setzen. Wer gerade jetzt in Bildung investiert, leistet den Tatbeweis für seinen Glauben an die eigene Zukunft.
Karl Lüönd plädiert für verlegerische Bildungsinvestitionen.
> Karl Lüönd ist Publizist und Leiter des Medieninstituts vom Verband Schweizer Presse.
