Am Ende hat alles keine Bedeutung – wenn das Vertrauen fehlt
Die wiedergewählte bundesdeutsche Kanzlerin Angela Merkel war selber überrascht: Der Wahlerfolg war nach dem Krisenmanagement der letzten Regierungsperiode keine Selbstverständlichkeit. Das kommunikative Erfolgsrezept von Angela Merkel lautet: Vertrauen trotzt Krisen. Von Josefa Haas, Medienexpertin/Rektorin EB Zürich
In ihrer Regierungszeit kann Angela Merkel eigentlich nur alles falsch machen. Die Bewältigung der Finanz- und der Eurokrise erfordert Opfer und Kompromisse auf allen Seiten. Die deutschen Bürgerinnen und Bürger müssen tief in die Tasche greifen. Wer in solchen Zeiten Entscheidungen fällen, sie durchsetzen und begründen muss, darf nicht davor zurückschrecken, sich unbeliebt zu machen. Angela Merkel schafft das Meisterstück, sich als Krisenkanzlerin mehr Freunde als Feinde zu schaffen, wie das Wahlresultat zeigt. Man mag mit ihrer Politik einverstanden sein oder nicht, es lohnt sich, ihr Erfolgsrezept genau zu studieren: Angela Merkel gewinnt durch Vertrauen und nicht durch Visionen.
Despektierlich wird Angela Merkel in den Medien als «Mutti» bezeichnet. Geschlechtsneutral betrachtet entlarven sich die Schreibenden mit diesem Begriff selber. Welchen Politiker würden sie «Vati», geschweige denn «Mutti» nennen. Trotzdem steckt ein Kern Wahrheit darin. Während Peer Steinbrück sich als polternder Patriarch inszeniert, stellt Angela Merkel die Sorge um das zukünftige Wohlergehen Europas und damit Deutschlands ins Zentrum. Sie vermittelt Geborgenheit und die Zuversicht, es lohne sich bittere Pillen zu schlucken auf dem Weg der Genesung. Die Wahl von Angela Merkel ist eine Botschaft an die Paternalisten: Macht um der Macht willen schafft Misstrauen. Gefragt sind Frauen und Männer, denen vertraut wird, dass sie so genannt mütterlich das Wohlergehen der Menschen ins Zentrum stellen und damit ihre Führungsrolle legitimieren.
In stürmischen Zeiten wünscht man sich krisenfeste Persönlichkeiten am Steuer. Angela Merkel bleibt unaufgeregt, wiederholt klar und einfach ihre Botschaften, lässt sich von keinem noch so starken Gegenwind ins Wanken bringen. Was die einen als Sturheit interpretieren, verstehen ihre Wähler als Belastbarkeit. Der innenpolitische Wind in Deutschland ist rau, die Strömungen aus den Mittelmeerländern eiskalt. Die Bundeskanzlerin reagiert weder beleidigt noch larmoyant. Mit ruhiger Stimme erklärt sie, warum welche schmerzhaften Massnahmen ihrer Ansicht nach notwendig sind für die Bewältigung der Krise.
Fortschritte in der Wissenschaft setzen den unsentimentalen Abschied von alten Gewissheiten und Theorien voraus. Die Physikerin Angela Merkel bringt diese Erfahrung in ihre Arbeit als Politikerin ein. Konsequent setzte sie eine Modernisierung der CDU durch. Auf dem Weg in die Mitte mischt sie politische Glaubensbekenntnisse auf, sucht Nähe zu den Bürgern und setzt auf konkrete Lösungen. Was ihr im Wahlkampf als Profillosigkeit vorgeworfen wurde, wird von ihren Wählern als Pragmatismus geschätzt. Sie liest keine Sonntagspredigten, wie es eigentlich von einer Vertreterin einer christlichen Politikerin zu erwarten wäre. Sie nennt Probleme beim Namen und bietet Lösungen zu deren Bewältigung an, aus ihrer Perspektive ohne Anspruch auf Objektivität.
In der Wahlnacht wurde schon von einer Königin Merkel gesprochen. In den letzten Jahren hat sie zwar ihren Königsweg beschritten, diese Reaktion zeugt jedoch von einer grossen Verunsicherung und einer Lähmung. Weder übermenschliche Gnade noch ein demütiges Volk dürfen die Folge der Persönlichkeitswahl von Angela Merkel sein. Der Erfolg verpflichtet sie im Gegenteil zu offenen demokratischen Debatten, in der kritische Fragen aufgenommen und Interessen berücksichtigt werden. Ihre Rolle wird diejenige einer Vermittlerin sein. Mit Abwiegeln, Verschleiern und Entwerten lässt sich kein Vertrauen aufbauen. Angela Merkel wird beweisen müssen, dass ihre Kommunikation nicht Rhetorik bleibt. Die Wahl in Deutschland zeigt die Wege für einen modernen politischen Diskurs auf: Es lässt sich trefflich streiten über die Wahrnehmung von Problemen und die Entwürfe von Lösungswegen. Mit ideologischen Grabenkämpfen kann man in Deutschland nicht mehr einfach punkten. Die Auseinandersetzung läuft über den Wettbewerb von glaubhaften Rezepten und vertrauenswürdigen Persönlichkeiten. Gespannt werden die Wählerinnen und Wähler beobachten, wie die Politikerinnen und Politiker aller Parteien ihr Vertrauen in den nächsten vier Jahren gewinnen wollen. Dann können auch sie im nächsten Wahlkampf einfach feststellen: «Sie kennen mich.»
