Am Ende des Regenbogens
Kolumne Du, eine der skurrilsten und rührendsten Schweizer Medienlegenden, erwacht wieder zu neuem Leben. Einmal mehr ist ein optimistischer Verleger auf dem Weg zur anderen Seite des Regenbogens.
Kolumne Du, eine der skurrilsten und rührendsten Schweizer Medienlegenden, erwacht wieder zu neuem Leben.
Am Ende des Regenbogens ist der grosse Schatz vergraben, sagt die Sage, und viele sind unterwegs, ihn zu heben. Geld gemacht wird derzeit mit immer schnelleren, auf Zeitlücken gerichteten Medien. Aber die ganz Tapferen, die grossen Optimisten sind unterwegs ans andere Ende des Regenbogens und werfen sich auf ganz langsame Qualitätsmedien. Mit dem erfolgreichen Cicero hat Ringier in Deutschland gezeigt, dass es funktionieren kann. Jetzt versucht es auch ein beweglicher Kleinverleger: Oliver Prange, der schon mit Persönlich (und damit als respektierter Konkurrent der Werbewoche) gezeigt hat, wie man verjährte Titel vitalisiert. Kürzlich war die Relaunch-Party für das Du. Dass über dreihundert Leute gekommen sind – und was für welche! –, signalisierte schon die Bedeutung des Anlasses. Hier wurde eine der skurrilsten und rührendsten Schweizer Medienlegenden wiederbelebt.Das Du hat es sogar ins Schweizer Lexikon geschafft. Dort steht: «Kulturelle Monatsschrift, 1941 von A. Kübler gegr., urspr. im Verlag Conzett & Huber, heute von der Tages-Anzeiger AG in Zürich hg.; fusionierte mit der Ztschr. «Atlantis», Aufl. 1990: 24’000.» Inzwischen ist die Zeit über das Du hinweggegangen. Als die Tages-Anzeiger AG zur börsenkotierten Tamedia wurde, war für das noble Kulturprojekt kein Platz mehr. Der Titel ging 2003 an den auf Architektur, Kunst und Typografie konzentrierten Buchverleger Niggli, aber der kam mit der Zeitschrift nicht zurecht und reichte sie an Prange weiter.
Die Ahnenreihe des Titels berechtigt zu schönen Hoffnungen, was Neugier und Nonkonformismus betrifft. Conzett & Huber ist ja inzwischen nur mehr eine Erinnerung – aber eine faszinierende. Der Drucker und Verleger Conrad Conzett (1848-1907) war Unternehmer und Sozialist zugleich, druckte den Grütlianer und die Arbeiterstimme, war Präsident des Gewerkschaftsbundes. Sein Sohn Hans (1886-1918) war Drucker und Verlagsteilhaber, SP-Nationalrat und unterstützte die Streikenden. Hans Conzett junior, geboren 1915, förderte als Verleger die heute noch existierende Manesse-Bibliothek der Weltliteratur und die Zeitschift Du. Die politische Familientradition führte er fort, indem er von 1951 bis 1971 Nationalrat der BGB war – ja, er war einer von denen, die die linksbürgerlichen Demokraten in die neue SVP führten.
Das Du gründete Conzett & Huber, um seine Fähigkeiten als Tiefdrucker regelmässig einem internationalen Fachpublikum vorzuführen – es war ein monatlich erscheinendes Referenzobjekt für die Druckerei, die sich damals gegen Ringier, Walter Olten, Bucher Luzern usw. durchsetzen musste. Der im Lexikon erwähnte A. Kübler hiess Arnold (1890-1983) und war einer der ungewöhnlichsten Zürcher Kulturtäter des 20. Jahrhunderts: Bildhauer, Illustrator, Schauspieler, Cabarettist, Schriftsteller (mit seinen «Öppi»-Romanen, die er im Zürcher Bahnhofbuffet schrieb). 1929-41 leitete er für Conzett & Huber die Zürcher Illustrierte, die sich als Konkurrenz für Ringiers Schweizer Illustrierte vor allem in Sport und Kultur profilierte; als «Gegengift» gegen die anfangs erfolgreiche ZI hat Paul Ringier dann die Sie & Er gegründet. Kurt Guggenheim hat Kübler in seinem grossartigen Zürcher Roman «Alles in allem» ein Denkmal gesetzt.
Als die Zürcher Illustrierte wirtschaftlich nicht mehr tragbar war, kam das Du – erst mit Arnold Kübler, dann mit Weltwoche-Gründer Manuel Gasser: ein Themenheft mit Pionierprofil. Im Du lernte das Schweizer Bildungsbürgertum erstmals Klee, Picasso, Braque und Miró kennen. Das Du machte Fotografen wie Werner Bischof, Emil Schulthess, Hans Staub und Paul Senn berühmt. Als Autoren begegnete man Walter Robert Corti, Emil Schulthess, Hugo Loetscher, Willy Rotzler. Viele Jahre lang gehörten die um grosse Themen gebauten Du-Hefte zur kulturellen Grundausstattung des gehobenen Schweizer Bürgerhaushalts und zum Inventar in Hunderten von Wartezimmern. Das Du war angesehen, wurde gesammelt und in Jahrgangsbände gebunden, manche herausragende Nummern werden noch heute in den Antiquariaten teuer gehandelt.
Aber mit der Zeit trat das tückischste aller Medienphänomene ein: «Everybody likes it – nobody buys it». Vom guten Ruf und von der ehrenvollen Vergangenheit allein kann man nicht leben. Aber es kann helfen, vor allem, wenn das neue Du den freien Geist und den Hang zum lustvollen Querdenken seiner verlegerischen und journalistischen Ahnen wieder zu beleben vermag. Gott gebe, dass es «verhebe» …
Karl Lüönd ist freier Publizist und Buchautor
