Als Werber noch Reklame machten

Agenturen Vor fünfzig Jahren gründete André Berner die Werbe & Verlags AG. Der Zürcher Pionier blickt zurück.

Agenturen Vor fünfzig Jahren gründete André Berner die Werbe & Verlags AG. Der Zürcher Pionier blickt zurück. «Werbung ist nicht nur Reklame, wo man schreibt, dass etwas 5 Franken kostet. Werbung arbeitet mit Ideen und Strategie.» Diese Erkenntnis war nur Insidern bekannt, als André Berner 1955 mit seiner ersten Agentur in die Werbung einstieg. Zusammen mit Viktor Cohen, dem Kopf der damaligen Advico in Zürich, hat er die Idee zur Gründung einer Firma mit dem viel versprechenden Namen Informaktion entwickelt. «Das war eine Zusammensetzung von Information und Aktion. Wir machten das, was man heute Eventmarketing nennt.» Als Erstes in dieser Pionierzeit hat Berner Strategien für die Milchverwertung aus der Ostschweiz entwickelt. Diese kreativen «Aktionen» betreute er nebenbei, denn im Hauptberuf war Berner «Reklamechef – wie man damals noch sagte» beim Zürcher Büro des Hollywood-Produzenten Paramount.
Neugierde als TriebfederZwar studierte der heute 79-Jährige ursprünglich Architektur. Weil aber sein Vater Chefredaktor und Herausgeber der «Schweizerischen Filmzeitung» war, musste – oder besser durfte – André Berner damals neben dem Studium auch als Reporter die immer häufiger in die Schweiz anreisenden Filmstars aus Hollywood interviewen. «Mein Vater war ein schüchterner Typ. Ich war sehr neugierig. So haben mich diese Treffen mit den Stars natürlich fasziniert.»
Alfred Hitchcock, der «Vom Winde verweht»-Produzent David O. Selznik und viele andere Leinwandgrössen nutzten die Schweiz damals regelmässig als Basis für ihre Promotionen in ganz Europa. Zürich konnte kurz nach dem Krieg mit dem Flughafen und dem Dolder Grand Hotel die beste und von Bomben verschont gebliebene Infrastruktur aller umliegenden Länder bieten.
Seine guten Umgangsformen mit den Stars brachten André Berner 1947 den Job als Reklamechef bei der Paramount ein. 750 Franken pro Monat hat er in jener Zeit verdient. Als seine Bosse im fernen Amerika nicht sehen wollten, dass nach ein paar Jahren eine kleine Lohnerhöhung fällig war, meinte Berner zu seinem Zürcher Chef: «Dann merken die in New York auch nicht, wenn ich in Zukunft am Mittwochnachmittag frei nehme!» Die gewonnene Zeit, zu der bald auch noch die Nachmittage vom Donnerstag und Freitag dazukamen, hat André Berner für eigene Aktivitäten genutzt.
Neben dem kurzen Intermezzo mit der Informaktion bei Advico sollte am 27. Januar 1955 die Gründung der Werbe & Verlags AG sein nachhaltigstes Projekt im Bereich Werbung werden. Die Idee war: ein gemeinsames Plakat für alle Zürcher Kinos. Der Zürcher Lichtspiel-Verband wollte den Versuch auf sechs Monate beschränken. Ein Kinobesitzer schaltete absichtlich falsche Anfangszeiten in seine Anzeige. Als das Publikum prompt zur falschen Zeit das Kino stürmen wollte, war der Verband von der Wirkung dieser neuen Art von Werbung überzeugt.
Heute liefert die Agentur im vierten Stock des Corso-Hauses in Zürich diese Kollektivwerbung neben Kinos auch für Theater und Konzerte. Zu den Plakaten ist das so genannte Magnet als Sammelinserat in diversen Zeitungen gekommen. Manche Aktivitäten laufen auch in Winterthur, Basel, Bern und Luzern. Als weitere Diversifikation beliefert die Werbe & Verlags AG heute auch alle Zeitungen von Tamedia sowie mehrere Publikationen in Deutschland mit den täglichen Spalten für das Fernseh- und Radioprogramm. Im Internet ist das Unternehmen Berner, das 1994 an Sohn Thomas übertragen worden ist, mit der Agenda www.kulturinfo.ch präsent. Die Agentur beschäftigt 18 Mitarbeitende. In der Grafikabteilung werden 90 Prozent aller Kinoinserate für die Schweiz gestaltet. Juniorchef Thomas Berner ist inzwischen auch Präsident des Zürcher Kinoverbandes.
Es war «nicht unbedingt nur in Amerika», wo André Berner schon früh das Know-how für solche Ideen gefunden hat. Erinnern will er sich trotzdem gerne an einen Werbekurs, den er 1956 in New York absolvieren konnte. «Wir waren aufgenommen wie Könige, weil die Schweizer Plakatgrafik damals sehr berühmt war. Donald Brun, Herbert Leupin …»
Vielseitiges Wirken rundum Fachsimpeleien über Werbung haben ab 1957 regelmässig im «Weissen Kreuz» beim Bahnhof Stadelhofen stattgefunden. Mit Freunden wie dem Grafiker Fredy Sigg hat André Berner den «allerersten Reklame-Klub Zürich» gegründet. Einmal pro Woche hat man sich zum gemeinsamen Mittagessen getroffen.
Zu den weiteren Gründungen von André Berner kam 1951 das Zürcher Jazzfestival. Bei diesem wirkte Ueli Prager mit seiner Mövenpick als Sponsor mit «oder Gönner, wie man damals noch sagte». Weil Gastro-pionier Prager von Berners Ideen beeindruckt war, hat er ihm ebenfalls eine Stelle als Reklamechef angeboten. Pragers Arbeitsbeginn mitsamt seiner Entourage bereits morgens um sechs war aber nicht der Stil von André Berner. Als Mensch der Abendunterhaltung hat er lieber sein Wissen aus dem Architekturstudium noch einmal entdeckt. Berner zeichnete für den Umbau legendärer Nachtlokale wie Joker im Kongresshaus, Red House, Kings Club und Mascotte in Zürich verantwortlich. In Luzern, Bern oder Montreux hat er die Casinos neu gestylt.
Da er als Architekt oft lieber eine Gewinnbeteiligung nach dem Umbau von fünf Prozent auf den Mehrumsatz als ein Honorar vereinbaren wollte, ist er später zum Mitinhaber oder zumindest Verwaltungsrat verschiedener Lokale geworden. Von 1955 bis 1985 hat ihm das Mascotte in Zürich gehört, bevor Berner das geschichtsträchtige Lokal unterhalb seines heutigen Büros an Freddy Burger verkaufen konnte.
Von 1968 bis 1984 realisierte André Berner den Zürcher Modeball. 1968 hat er mit dem damaligen Unterhaltungschef des Schweizer Radios Beromünster, Walo Linder, den Prix Walo ins Leben gerufen.
«Diese Sachen waren aber immer nur Hobby. Ich wusste, dass die Werbeagentur der stabile Teil meines Wirkens war. So etwas konnte auch einmal von meinem Sohn weitergeführt werden», meint André Berner. Trotzdem sieht er sich in der Branche als Aussenseiter. «Weil im Firmennamen das Wort ‹Verlag› vorkommt, bin ich nie richtig in die Werbeszene aufgenommen worden – weil man als Werber nicht selber Verleger sein darf.»
Aber das wird wohl an den Kursen in New York, wie sie André Berner einst besucht hat, nicht mehr so deutlich ins Lehrbuch geschrieben.
Kulturwerbung in Rot, Grün und BlauIm Jahr 1955 erhielt André Berner den ersten unterschriebenen Vertrag eines Kinobesitzers zurück, um seine Idee eines gemeinsamen Plakates
aller Zürcher Kinos zu realisieren. Heute, nach 50 Jahren, fallen neben den roten Plakaten für Cinema in der ganzen Stadt Zürich überall auch grüne Plakate für Konzerte und blaue für die Theater auf. Gleichzeitig präsent ist die Werbe & Verlags AG in allen wichtigen Zeitungen mit den Kollektivinseraten Magnet für Kino, Theater, Museen und Konzerte.
Die Idee der Kollektivwerbung für Cinema hat die Agentur ebenfalls in Winterthur, Basel, Bern und Luzern realisiert. Die Theaterplakate gibt es auch in Basel.
Alle diese gesammelten Informationen fliessen auch in die Website www.kulturinfo.ch ein.
Der Kurzlebigkeit der Branche mit der Werbe & Verlags AG getrotzt: André Berner und Sohn Thomas.
André Berner, Hazy Osterwald, Walo Linder und Stapi Landolt (v. l.) beim Erfinden des Prix Walo.
Lilo Pulver mit André Berner bei einem der zahlreichen Interviews für die Schweizer Filmzeitung.
Andreas Panzeri

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