Alles steht still

Werbewoche-Chefredaktor Pierre C. Meier hat Zeit zum Kolumne-Schreiben.

Nur gerade drei Tage nachdem die iPad-Begeisterung hohe Wellen geschlagen hat und einzelne Unentwegte sich eine ganze Nacht um die Ohren schlugen, nur um unter den Ersten zu sein, die eines der begehrten elektronischen Spielzeuge kaufen konnten, geht bei uns in der Redaktion gar nichts mehr. Ausgerechnet am Montag, wo normalerweise die Produktion der aktuellen Werbewoche ihren ersten Höhepunkt erlebt, beginnt das Desas¬ter. Zuerst steigt der Zugriff ins Internet aus, kurz darauf verabschiedet sich auch das E-Mail. Der GAU ist da!
Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hat, die nötigen Massnahmen getroffen respektive initiiert sind, bleibt nicht nur Zeit zur Reflexion, sondern auch zum Schreiben dieser Kolumne.
Die Situation ist schon paradox: Auf der einen Seite der iPad-Hype, der zu einem wesentlichen Teil von der ständigen Anbindung an das allumfassende und allwissende Web lebt, und daneben gleichzeitig das archaische Notfallszenario einer Redaktion, die wie in längst vergessen geglaubten Zeiten Texte per Fax erhält oder zur Autorisierung versendet, per Telefon einzelne Statements absegnen und sich Bilder per Kurier liefern lässt. Pressemeldungen gibt es keine, was in der Welt passiert, erfährt man nur durch das persönliche Smartphone, und die Website Werbewoche.ch verharrt auf dem Stand von Sonntagabend. Mittels eines Kniffes konnte we¬nigs¬tens noch eine Pannenmeldung auf der Site veröffentlicht werden.
Unser privates und berufliches Leben ist schon so stark auf das Netz ausgerichtet, dass wir erst dann merken, wie uns das Internet das Leben einfacher macht, wenn wir es nicht mehr haben. Wehe dem, der für eine Recherche eine Telefonnummer braucht: Das gute alte Telefonbuch ist schon lange im Altpapier gelandet, also bemüht man halt die Telefonauskunft oder nervt alle Kollegen. Doch im Gegensatz zu Google muss sowohl bei der Auskunft wie auch bei den Kollegen die Frage absolut korrekt gestellt sein, sonst gibt es keine Antwort. Nichts da vom vertrauten Google-Satz «Meinten Sie blabla». Zu schon lange vergessen geglaubten Ehren kommen gedruckte Lexika und Wörterbücher. Auch Fachbücher werden im hintersten Regal gesucht und erstmals wieder zu Rate gezogen.
Alles dauert länger, viel länger. Gar nicht daran denken will man, wie am nächsten Tag die Abschlussproduktion erfolgen soll. Müssen wir vielleicht sogar die fertigen Druckdaten per Kurier an die Druckerei ausliefern? Rasch ein Stossgebet an den Schutzpatron des Internets, Isidor von Sevilla, dass morgen wieder alles läuft, wie es sollte. Das mit dem Schutzpatron ist abgesehen davon kein Witz. Der gute Bischof Isidor (*560, †636) galt zu seiner Zeit als einer der gelehrtesten Menschen der westlichen Welt. In seiner Enzyklopädie «Etymologiarum sive originum libri XX» kompilierte er das gegen Ende des 6. Jahrhunderts noch vorhandene Wissen der Antike. Isidor gilt als Schutzpatron des Internets, der Programmierer und Computerbenutzer. Wikipedia via iPhone sei Dank!
Wer hat da was von iPad gesagt?

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