Alles Roger im Reduit

Powerplay mit Fotos und Hornberger Schiessen der Armeegegner. Was in den letzten Wochen für Erstaunen sorgte. Gastkommentar von Karl Lüönd, freier Publizist und Buchautor.

Wäre ich Nik Niethammer, würde ich hochtourig rotieren. Seit drei Wochen sind die Federer-Zwillinge auf der Welt, und noch immer strahlen sie nicht von der Titelseite seiner «Schweizer Illustrierten». Was ist da los? Es sieht so aus, als habe der clevere Tennis-Champion auch im Match mit den People-Medien den besseren Aufschlag.
Sagen wir es mal so (und natürlich ist das eine reine Vermutung, aber wohl keine unbegründete): Roger Federer und seine Mirka sind für das internationale Promi-Geschäft einen Tick zu normal, zu brav und zu anständig. Weil die beiden auch intelligent sind, haben sie das längst gemerkt. Ein Boris Becker (mit seinem ersten Ehekrach) oder ein André Agassi (mit Steffi Graf als Geschmacksverstärkung) hätten im internationalen Baby-Bildermarkt wesentlich höhere Summen erzielt. Federer mag aber nun einmal nicht Zweiter oder Dritter sein, und das Geld kümmert ihn auch nicht. Er müsste es ja ohnehin spenden. Warum soll er sich also auf Vergleiche einlassen? Lieber lässt er die Bilderblätter zappeln und zeigt ihnen, wer der Chef ist in Sachen Federer-Wahrnehmung. Öffentlichkeitsarbeit in diesen Höhenlagen ist ein Powerplay, und der Stärkste macht die Regeln. Derzeit bestimmt Roger Federer, wie Roger Federer nebst Familie auszusehen hat.
Im fernsehschwachen Sommerloch hat – und das ist wohl ein richtiger Entscheid – das Schweizer Fernsehen mit der Doku-Soap vom Reduit eine starke Marke gesetzt und entsprechende Quoten-Erfolge eingefahren. Diese sind zumindest teilweise eine direkte Konsequenz der verbissenen Proteste, die weltanschaulich gesteuerte Vergangenheitsverwalter gegen die Serie vorgebracht haben. Je umstrittener, desto beachteter!
Die GSoA (Gesellschaft für eine Schweiz ohne Armee) hat als genuin linke Organisation während vieler Jahre immer wieder die Meinungsfreiheit reklamiert und für sich in Anspruch genommen – mit Recht, meine ich, obwohl ich deren Ziele nicht im Entferntesten gutheisse und die GSoA für eine besonders schlechte und tückische Organisation halte, der man entgegentreten muss, wo immer man ihr begegnet. Aber bitte: In diesem Staat hat jeder das verbriefte Recht, sich zu blamieren, und darauf wollen wir als unverbesserliche Scheiss-Liberale denn doch bestehen, auch auf die Gefahr hin, dass so etwas wie die GSoA dabei Punkte macht.
Nun hat die GSoA aber allen Ernstes die sofortige Absetzung der Reduit-Serie verlangt. Hören wir richtig? Eine politische Lobby greift die Programmhoheit des öffentlich-rechtlichen Schweizer Fernsehens an.
Stellen wir uns einen Moment lang vor, der putzige Parteipräsidenten-Darsteller Toni Brunner hätte etwas Analoges verlangt. Wie hätte der publizistische Mainstream aufgejault, wie hätten die de Wecks, die Meyers, die Britschgis und die ganze Bande von der Werdstrasse protestiert. Prof. Georg Kreis und Prof. Kurt Imhof hätten mit Geräusch die Augen gerollt. Die SP Schweiz und die Gruppe Olten hätten sich pflichtgemäss empört. Aber was nun, in Anbetracht der schieren Peinlichkeit der GSoA? Totschweigen ist wieder einmal die sicherste Hinrichtungsart. Und nächste Woche treiben sie wieder eine andere Sau durchs Dorf. Spekuliere nie mit der Dummheit des Publikums, probiere es lieber mit dessen Vergesslichkeit!
Mir geht die TV-Serie aus dem Nidwaldnerland, offen gestanden, am Körper vorbei. Mein Vater, der als Aktivdienstsoldat an der Gotthardlinie und im Tessin Dienst geleistet hat, hat mir seinerzeit viel plastischere und kurzweiligere Geschichten erzählt: von den Partisanen, denen sie als solidarische Schweizer Proletarier selbstverständlich geholfen haben, gegen alle Befehle. Und von den Schmugglern, die im Windschatten der Politik ihre Geschäfte machen konnten, weil die Profite der richtigen Seite zugute kamen.
Den Guisan haben sie gemocht, mein Vater und seine Kameraden, dabei haben sie über ihn gespottet: «LMG» sei seine Lieblingswaffe gewesen: Löffel, Messer und Gabel. Dass Guisan ein Antisemit war und wesentlich zur Verschärfung des schweizerischen Abwehrkurses gegen die jüdische Immigration beitrug, wissen wir zwar seit der biografischen Arbeit von Willi Gautschi, bloss interessiert es niemanden. Es könnte ja vertraute Bilder zerkratzen und die alte historische Wahrheit bestätigen: Es gibt weder Schwarz noch Weiss, es gibt nur Grautöne in verschiedenen Schattierungen.
Karl Lüönd

More articles on the topic