Zu guter Letzt: Stürmer im Wasserglas

Das Zürcher Theater Neumarkt stösst mit einer befremdenden Werbeaktion auf wenig Gegenliebe. Grund: Die Kampagne ist an Geschmackslosigkeit kaum zu überbieten.

«Schweiz entköppeln» heisst die Aktion, mit der das Theater für die Performance «Die grosse Austreibung» vom 18. März werben will. Dabei soll soll ein «erfahrener Exorzist» den Weltwoche-Verleger Roger Köppel vom Geiste Julius Streichers befreien. Streicher gilt als der wohl radikalste Antisemit des Dritten Reiches. Mit seinem Blatt Der Stürmer hetzte er wöchentlich mit einem beispiellosen Fanatismus und auf primitivste Art und Weise gegen Juden. Die Publikation erfand Schauermärchen wie angebliche Ritualmorde oder prangerte jüdische Mitmenschen mit Foto und Adresse an, um sie erfundener Verbrechen zu beschuldigen. Das in den von Philipp Rupprecht gezeichneten Karikaturen verbreitete Bild des sogenannten «Stürmer-Juden» prägte eine stereotype, abstossende Darstellung, die sich bis heute im antisemitischen Zusammenhang gehalten hat.

«Außerdem (sic!) hält doppelt besser. Deshalb lassen wir am 18.3.2016 zusätzlich einen renommierten Voodoo-Priester aus Kamerun einfliegen, der Köppel endgültig verflucht.» schreiben die Verantwortlichen. Der Priester habe bereits durch den (tödlichen) Autounfall Jörg Haiders, für den er ebenfalls verantwortlich gezeichnet hatte, internationale Anerkennung erlangt.

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Screenshots Schweiz-entköppeln.ch

Der von derart viel Köppel-Verachtung begeisterte Webseiten-Besucher darf dann noch selbst mitverfluchen und dem ungeliebten Chefredaktor beispielsweise einen Autounfall, Ebola oder Inkontinenz wünschen. Einige Möglichkeiten wie Querschnittslähmung, Alzheimer oder Schizophrenie wurden in der Zwischenzeit entfernt, tauchen aber noch in den Resultaten auf. Vermutlich sind diese Krankheiten dann doch etwas gar stark in der Gesellschaft verankert, um sie jemandem zu wünschen, nur weil dieser eine andere politische Meinung hat. Direkte Demokratie und so.

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Screenshot 15.3.2016, 20:21 Uhr

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Apropos andere politische Meinung: Von der Aktion sind laut SDA übrigens nicht nur die Stadtzürcher SVP und FDP alles andere als begeistert, sondern auch die linke Stadtpräsidentin Corinne Mauch (SP). Die Kampagne überschreite die rote Linie, sei geschmacklos und «schlechte Satire», so Mauch am Mittwoch im Gemeinderat. Sie betonte, dass Kunst manchmal auch schlecht sei. Dem bleibt eigentlich nichts hinzuzufügen. Auch wenn sich Köppel durchaus den Vorwurf gefallen lassen muss, beispielsweise mit abstossenden Ausländer-Karikaturen (Weltwoche-Titelseite 2/2016) oder öffentlicher Anprangerung und Diffamierung («Vor diesen Professoren wird gewarnt») gelegentlich einen Stil zu pflegen, der – im Ansatz – eher an den Stürmer erinnert als an die Coopzeitung oder die Schweizer Familie. Ob man deswegen jemandem zum Spass eine schwere, oft tödliche Krankheit wünschen soll, muss vermutlich jeder für sich selbst entscheiden. (hae)

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