Zu guter Letzt: Mann beisst Hund

Das konservative publizistische Flaggschiff «New York Sun» hat nach 18 Jahren stürmischer Fahrt endgültig Schiffbruch erlitten. Das Sendungsbewusstsein der Macher und Geldgeber stand über betriebswirtschaftlichen Überlegungen.

Nachrichten aus Übersee: Das konservative publizistische Flaggschiff «New York Sun» hat nach 18 Jahren stürmischer Fahrt endgültig Schiffbruch erlitten, und zwar sinngemäss mitten in der Finanzkrise. Der Traditionstitel wurde von 1833 bis 1950 herausgegeben, und dann vom Journalisten Seth Lipsky im Jahr 2002 wiederbelebt. Lipskys Projekt kämpfte gegen alle tatsächlichen und vermeintlichen Feinde Israels – darunter auch die Vereinten Nationen und die New York Times, die ihm zu liberal war. Den Beginn des 2. Irak-Kriegs feierte die Sun angeblich mit Champagner, später empfahl sie, Kritiker des Irak-Kriegs vor Gericht zu stellen.
Das Sendungsbewusstsein der Sun reichte so weit, dass bei 14’000 verkauften Exemplaren schon mal 96’000 Exemplare gratis verteilt wurden. Bereits vor zwei Jahren sagte Lipsky – obwohl er zahlungskräftige konservative Geldgeber im Rücken hatte –, seine Zeitung verliere pro Monat eine Million Dollar. Im September dieses Jahres kündigte er an, wenn er keine Gelder auftreiben könne, müsse der Laden dicht machen. In dieser Situatuion half die Finanzkrise natürlich nicht gerade weiter. Trotz solidarischen Geldüberweisungen von Lesern war Anfang Oktober Schluss.
Einem Lokalchef der alten Sun wird der zeitlose Satz zugeschrieben, wenn ein Hund einen Mann beisse, sei das keine Nachricht, wenn ein Mann einen Hund beisse hingegen schon. Die Frage, welcher Art nun die Nachricht über den Untergang der Sun ist, müsste man angesichts der Finanzkrise von der Hund-beisst-Mann-Variante sprechen. Angesichts der Tatsache aber, dass die Sun wirklich einging und nicht verstaatlicht wurde, müsste man sagen: Mann beisst Hund.
So oder so aber scheint die Zeitung ihr Sendungsbewusstsein auch in den publizistischen Tod hinübergerettet zu haben. Im kurzen Nachruf «Seven Years of the Sun» heisst es auf der Webseite: «In a city saturated with news coverage and commentary, the Sun shone brightly, though too briefly.»

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