Zu guter Letzt: Das grosse Gerichts-Lotto

Die Medienplätze beim NSU-Prozess in München wurden verlost und heute bekannt gegeben. Eigentlich wäre das Thema ja nicht zum Lachen...

Für den vielbeachteten NSU-Prozess stehen der Presse fünfzig Sitzplätze zur Verfügung. Diese waren binnen weniger Stunden vergeben – an deutsche Pressevertreter. Denn alle türkischen und die meisten internationalen Medien waren mit dem scheinbar geläufigen, im Vorfeld jedoch nicht kommunizierten System «first come, first served» (auch «Windhund-Verfahren» genannt) wenig vertraut. Besonders im türkischen Umfeld war die Empörung gewaltig, schliesslich hatten alle Opfer der Rechtsterroristen einen türkischen Hintergrund. Die Politik beider Seiten mischte sich ein und die Zeitung Sabah erstritt sich auf dem Rechtsweg erfolgreich vier Plätze für die türkischen Medien. Der Prozess wurde schliesslich verschoben, um ein neues Akkreditierungsverfahren durchführen zu können. In- und ausländischen Nachrichtenagenturen wurden nun fünf Plätze und fremdsprachigen Medien zehn Plätze zugelost. Der Rest, nämlich 35 Plätze, wurde unter den deutschen Medienvertretern per Losverfahren zugeteilt.

Das Resultat, das heute kommuniziert wurde, sorgte für ungläubiges Kopfschütteln. Die gewichtigen überregionalen Tageszeitungen Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt und Die Tageszeitung bleiben draussen. Mehr Glück hatten unter anderem Qualitätsmedien wie Bild, RTL 2, Kabel 1, die Lübecker Nachrichten und… Brigitte! Die Bekanntgabe der Frauenzeitschrift als Prozessbeobachter(in) hat für Häme, Kopfschütteln und Entsetzen gesorgt. Kurze Zeit später wurde von der Facebook-Gruppe «FDP Liberté» eine fiktive Brigitte-Titelseite mit Beate Zschäpe als «Covergirl» verbreitet («Trendfarbe: Braun»).

Die Reaktionen der übergangenen Zeitungen lassen nicht auf sich warten. Taz soll eine Videoübertragung erwirken wollen (eine Lösung, welche die türkischen Medien nach der ersten Vergabe abgelehnt hatten). Die Springer-Titel Welt und Faz denken laut W&V über eine Klage nach. Diesmal können Presseplätze anderen akkreditierten Journalisten überlassen werden – zu viel Hoffnung auf das Brigitte-Ticket sollten sollten sich die Losunglücklichen allerdings nicht machen: Selbstverständlich werde Brigitte von dem Platz Gebrauch machen, kommunizert man auf der Facebook-Seite. Die Berichterstattung über den NSU-Prozess hat bereits begonnen… mit einem Arikel über Zschäpes Anwältin: Zschäpes Anwältin: «Die Wut halte ich locker aus». Ob Brigitte die Wut des losgetretenen Shitstorms auch locker aushält, bleibt abzuwarten. Übrigens: Als Schweizer Vertretung mit dabei: die NZZ.

Thomas Häusermann

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