Zu guter Letzt: Blamieren und Kassieren

Wie Jan Böhmermanns «Neo Magazin» den einstigen Klassenprimus Stefan Raab in die Falle tappen liess, war grossartig. Der Meister hat seinen Meister gefunden.

Die Tage des Nischendaseins des «Neo Magazins» scheinen gezählt. Die Sendung, die kürzlich abseits der breiten Öffentlichkeit den Grimme Preis erhielt, hat mit dem Raab-Streich nun die grossen Bühnen erobert. Kein Medium, das in den letzten Tagen nicht von der chinesischen Raubkopie schwärmte – und siehe da: ein Grossteil des Publikums scheint Gefallen an Böhmermanns Show gefunden zu haben.

Das ist neu: Böhmermann ist zwar seit jeher der Liebling der Medien, nicht aber der Zuschauer. Eigentlich komisch, denn lustig war er schon immer. Besonders wenn er sich die Aufmerksamkeit der Massenmedien erschlich. Etwa, als er 2005 im Rahmen einer Lukas Podolski-Parodie den Satz «Fussball ist wie Schach – nur ohne Würfel!» erfand. Das Zitat wurde von Spiegel Online und Kicker dem echten Podolski zugeschrieben und beinahe von der Deutschen Akademie für Fussballkultur zum «Fussballerzitat des Jahres 2008» gewählt. Oder als er für die Harald Schmid Show als Schweinegrippe-Erkrankter verschiedene deutsche Nachrichtenredaktionen unterwanderte (Youtube).

Mit dem neusten Streich hat er nun den einstigen Grossmeister des deutschen Spass-Fernsehens mitten in die Produzenten-Ehre getroffen. Stefan Raab hat in jungen Jahren mit seiner respektlosen, unberechenbaren aber meist auch fantasievollen und genialen Art eine ganze TV-Generation geprägt. Amüsiert wurde sich – und wenn noch so kreativ – in erster Linie auf Kosten anderer.

Umso grösser die allgemeine Schadenfreude, dass es ihn nun selbst erwischt hat. Voller Stolz deckte Raab in «TV Total» einen vermeintlichen Skandal auf: Ein chinesischer TV-Sender hat für eine Gameshow nicht nur das «TV Total»-Logo kopiert, sondern gleich das ganze Konzept von «Blamieren oder Kassieren» übernommen. «Blamieren oder Kassieren» wird einmal pro Woche in «TV Total» gespielt: Raab tritt gegen einen Studiozuschauer an, geleitet wird das Quiz von seinem langjährigen Weggefährten Elton.

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Was die beiden nicht wussten: Sie krochen einer Aktion auf den Leim, die das «Neo Magazin» von langer Hand geplant hatte. Der gezeigte Ausschnitt wurde von Böhmermann und seinen Kollegen inszeniert und der «TV Total»-Redaktion zugespielt… «um mal zu testen, wie gründlich die Recherche bei denen so ist», so Böhmermann. Offensichtlich nicht allzu gross, sonst hätte man sich zumindest die Mühe gemacht, die gesprochenen Texte von jemandem, der des Chinesischen mächtig ist, überprüfen zu lassen. Spätestens dann hätte sich herausgestellt, dass der Gameshow-Moderator eine Mischung aus Kauderwelsch und China-Restaurant-Speisekarte zum Besten gab. Den Rest der Sendung versüsste sich Böhmermann damit, bei jeder Gelegenheiten passende Zitate aus der China-Szene einzuspielen. Mit Tisch-Buttons, wie sie seit jeher von Raab verwendet werden.

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Wie Raab auf die Pleite reagiert, bleibt offen. Man kann davon ausgehen, dass sein Ego die Blamage nicht auf sich sitzen lässt. Als erste Reaktion hat er verlauten lassen, er habe sich über den Gag «sehr amüsiert».  Ob eine Revanche gelingt, ist allerdings fraglich. Der Altmeister des Austeilens könnte sich an seinen Nachkommen die Zähne ausbeissen (zumindest davon hat er noch mehr als genug). Denn Böhmermann und sein Team sind so gut, wie er selbst zu seinen besten Zeiten: Als er Fernsehen in jeder «Vivasion»- und «Ma kuck'n»-Sendung neu erfand und «TV Total» als Wochensendung ein kreativer Gassenhauer war. Lange musste die Fernsehlandschaft warten, bis sie wieder über eine vergleichbare Geschichte lachen durfte. Vermutlich kein Zufall, dass Stefan Raab auch diesmal dran beteiligt ist.

Thomas Häusermann

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