Die Besten geben den Tarif durch: Philipp Skrabal von Team Farner

Wir haben die Top 3-Agenturen des Kreativrankings um ein Statement gebeten. Was beschäftigt Thjnk, Farner und Sir Mary in diesem Jahr? Was nervt, was freut, wie weiter? Philipp Skrabal von Team Farner über 75 Jahre und kein Gala-Dinner.

Philipp Skrabal, Partner & Chief Creative Officer Team Farner.
Philipp Skrabal, Partner & Chief Creative Officer Team Farner.

Wenn man Leute in der Schweizer Kommunikationsbranche fragt, was Farner eigentlich ist, stockt die Antwort meistens. PR? Werbung? Public Affairs? Alle liegen irgendwie richtig. Und alle irgendwie falsch. Seit über 10 Jahren wächst die Agentur antizyklisch – in einer Branche, in der traditionelle Werbeagenturen durch Inhousing, Konsolidierung und KI, zunehmend unter strukturellem Druck stehen – zur grössten vollintegrierten Kommunikationsagentur der Schweiz. Kreativ belegen wir in den letzten drei Jahren konstant Spitzenplätze im m&k-Ranking: Platz 3 in 2023, Platz 1 in 2024, Platz 2 in 2025. Und trotzdem haftet uns dieser Mythos an: präsent, prägend und doch schwer zu fassen. Vielleicht ist genau das der Punkt.

Was Farner stark macht, ist gleichzeitig das Rezept für die Zukunft. Nicht eine Disziplin, nicht eine Spezialisierung, nicht ein Talent. Sondern das Zusammenspiel: Disziplinen auf Marktführerniveau, die über Generationen, Fachgebiete und Technologieschnittstellen hinweg vernetzt denken und auf Augenhöhe arbeiten wollen und dabei Ideen produzieren, die kein Einzelner allein hätte haben können. Die Plattform Team Farner ist das Produkt.

Mythos mit System

In den frühen 1950er-Jahren gründet Rudolf Farner gleich zwei Agenturen: eine für Werbung, eine für PR. Eine Trennung, die er gleichzeitig selbst unterläuft, denn Farner ist von Beginn an mehr als das, was der Markt kennt. Die Coca-Cola-Einführung in der Schweiz ist dafür beispielhaft. Die mächtige Bauernlobby droht den Zeitungen mit Boykott, sollten sie Werbung für das amerikanische Getränk schalten. Der klassische Weg war versperrt. Farners Antwort: Coca-Cola wurde über Coiffeure lanciert – also dort, wo Menschen sitzen und reden. Mit dem Gespür dafür, wie und wo Meinungen wirklich entstehen. Influencer Marketing vor Social Media. Die Mischung aus «paid» und «earned» war bei Farner von Beginn an gelebte Praxis.

Ein Jahrzehnt später produziert Farner für den viel diskutierten Auftritt der Schweizer Armee an der Expo 64 in Lausanne einen spektakulären Kurzfilm. 1965 erhielt der Film eine Oskar-Nomination in der Kategorie «Best Live Action Short Film». Für den Fonds für Verkehrssicherheit und den TCS erfand Farner MADE VISIBLE, das Streetwear-Label, das Sichtbarkeit im Strassenverkehr zur Lifestyle-Bewegung machte. Die erfolgreichste Präventionskampagne der Schweiz wurde von der FIA mit dem Road Safety Innovation Award ausgezeichnet und läuft nun im 9. Jahr. Systematisch werden alle einbezogen, von der Textilindustrie über die Designer, bis zum Handel. Nach derselben Philosophie entstehen laufend neue Kampagnen, vom Lindt GOLDHASEN bis zur Grossbank und von IKEA bis zum Dolder Grand. Mal helfen Schwarznasenschafe bei der Bundesratswahl, mal helfen wir dem ESC nach Basel oder der Frauenfussball-WM in die Schweiz.

Arbeiten, die funktionieren, weil Marke, Strategie, Kreation und Medienverständnis hier nicht nacheinander, sondern gleichzeitig und gemeinsam gedacht werden.

Kreativität liebt Technologie

Kreativität bedeutet im KI-Zeitalter Überlebenskompetenz. Für Marken, für Agenturen und für uns alle als Menschen. Künstliche Intelligenz ist ein statistischer Mustermixer. Sie wählt das Wahrscheinliche, verstärkt das Typische, glättet die Kanten. Das führt zu Homogenisierung, zu einer schleichenden Erosion der Markenschärfe, zur überflüssigen Agentur, zum austauschbaren Output. Wer dieselben Tools mit denselben Prompts benutzt, produziert konvergente Resultate. Kreativität muss also schon in den Fragen stecken, die wir uns – oder jetzt der Maschine – stellen.

Und Kreativität liebt Technologie. Für Arosa Tourismus hat unser Team von Yoveo die schweizweit erste crowd-generierte KI-Werbekampagne entwickelt: Was auch immer du dir für deine Bergferien erträumst, in Arosa machen wir es zur Wirklichkeit. Über 43 000 Bilder wurden generiert, die durchschnittliche Verweildauer auf der Landingpage betrug über acht Minuten. Mit Islam Alijaj, heute Nationalrat der SP haben wir für seine Wahlkampagne u.a. einen KI-Avatar entwickelt, der seine Sprechbehinderung filtert, ohne dabei die Persönlichkeit in seiner Stimme zu verändern.

Zwei Beispiele, die zeigen, wie KI und Technologie zur Ermöglicherin von Neuem wird. Im Kern bleibt aber die Idee.

75 Jahre und kein Gala-Dinner

Farner wird dieses Jahr 75. Aber statt uns im Jubiläumsjahr selber zu feiern, haben wir uns entschieden, dieses Jahr verstärkt in die Zukunft der Branche zu investieren. Nicht aus Selbstgefälligkeit, sondern aus tiefer Sorge um die aktuellen Entwicklungen. Erfolgreiche Agenturen, die unsere Industrie teils Jahrzehnte geprägt haben, kämpfen um Daseinsberechtigung. Junge Talente finden keine Einstiegschancen mehr, mal mangels Budgets, mal weil zunehmend KI Routinejobs übernimmt. Derartige Entwicklungen sollten auch jenseits der Agenturwelt alarmieren. Denn diese Agenturen haben Generationen von Top-CMOs, CCOs, CEOs, Strateg:innen und Chief Creatives hervorgebracht, die heute in internationalen Unternehmen Massstäbe setzen.

Darum investieren wir unser Eigenmarketing-Budget 2026 inklusive zugehöriger personeller Ressourcen in die Zukunft der Branche. Dies auf Kosten von Award-Einreichungen und des daraus resultierenden Kreativrankings 2026. Nicht, weil wir Kreativwettbewerben oder dem Kreativranking den Rücken kehren wollen – im Gegenteil – weil wir wichtige Dinge für eine starke Branche anstossen und initiieren wollen.

Vier Tage. Dutzende junge Menschen

August 2026: Sie kommen von der HSG, der ZHAW, der Uni Zürich, der Uni Bern. Manche haben einen Abschluss, aber noch keinen richtigen Einstieg. Andere stehen kurz vor dem Abschluss. Alle haben eine stille Frage im Gepäck: Was erwartet mich hier?

Vier Tage. Alle Disziplinen. Keine Theorie, echte Briefings, echte Ansprechpartner, echter Druck. Tag eins: Grundlagen der Kommunikation, Reputation Management, wie Kommunikationsteams in der Praxis funktionieren. Tag zwei: Public Affairs und Kreativität, Lobbying trifft Kreativsprint. Tag drei: Markenführung, PR, Social Media, Redaktionsbesuch. Tag vier: Craft, Video, Motion Design — und dann die Krisenübung «Buenaventura». Ein fiktiver Krisenfall, real inszeniert. Unvollständige Informationen, Zeitdruck, Teamdynamik. Genau das, was unsere Teams täglich erleben. Was diese jungen Menschen in vier Tagen erleben, ist das Zusammenspiel aller Disziplinen. Nicht als Theorie. Als Erlebnis. Es gibt keinen besseren Weg, zu erfahren, wer und was wir sind. Und ja, später gibt’s diese Einblicke auch zum Streamen.

Das ist keine Nostalgie. Das ist die Idee.

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