Blüten und Perlen: Punkt, Punkt, Komma, Strich

Sarah Pally, Linguistin und Partnerin bei der Agentur Partner & Partner, nimmt in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» die (Werbe-)Sprache unter die Lupe. Dieses Mal: eine augenzwinkernde Erzählung, wie das Semikolon vom unscheinbaren Satzzeichen über das Emoticon zum Emoji-Relikt wurde – und warum echte Emotionen trotzdem vor allem durch Sprache entstehen.

Fertig ist das Mondgesicht! Nicht erst vor hundert Jahren wurden Gesichter aus Satzzeichen konstruiert. Das Smiley aus den Sechzigern (von einem Werbegrafiker erfunden – und nicht von Forrest Gump) wurde in den Achtzigern digitalisiert (von einem Informatiker), anhand von Satz- und Sonderzeichen krückenhaft abgebildet und direkt auch schon in der Aussagekraft erweitert. Es wurde nun nicht nur gelächelt, sondern auch gezwinkert, gelätscht, bedauert und ungefragt geküsst. Die Emoticons waren geboren.

Dafür wurden Zeichen gebraucht, die sonst kaum je in die Kränze kommen. Wissen jüngere Generationen überhaupt, dass der Strichpunkt ein legit Satzzeichen ist? Oder meinen sie, dass das nur alte Leute für ihre 90er-Jahre-Emoticons nutzen? Anders gefragt: Wäre das Semikolon vom Aussterben bedroht, hätte es damals in den Achtzigerjahren nicht umgesattelt?


Tränen vor Rührung

Aber Moment: Eigentlich war das gar kein Umsatteln. Der Zweck von Emoticons und Emojis ist es, Emotionen, die man beim Sprechen durch Intonation und Gestik rüberbringt, auch schriftlich annähernd mitzugeben. Damit haben sie eine Funktion, die den guten alten Satzzeichen nicht unähnlich ist. Und somit ist das Semikolon eigentlich nur konsequent seiner ursprünglichen Bestimmung gefolgt. Aber nicht nur Satzzeichen, auch Schreibstil und Wortwahl können so einiges an Gemeintem transportieren. Man muss sich halt ein bisschen bemühen. Nur weil also ein Text keine Emojis enthält, ist er nicht unemotional. Und nur weil er haufenweise Emojis hat, kommen einem nicht die Tränen vor Rührung. Oder vor Lachen. Emotionen, eine Haltung, das Gemeinte kommt immer noch weitestgehend verbal herüber, mit der Art, wie ein Satz gebaut ist, welche Satzzeichen benutzt wurden, welches Vokabular wie miteinander verknüpft ist. Der Inhalt eines Texts ist nie nur der Inhalt.

Pathologisches Zwinkern

Das Zwinkersmiley, das das Semikolon einst vermutlich rettete, ist allerdings ein wirklich bescheuertes Ding. Was soll das? Im echten Leben zwinkert auch niemand – oder wenn, dann ist es eher was Pathologisches. Ist es vielleicht eine innere Haltung, die man mündlich zwar niemals zeigen würde, die einem schriftlich aber herausrutscht? Also zum Beispiel: Ich habe das jetzt zwar so geschrieben (aber eigentlich meine ich es gar nicht so, höhö). Ooops, schon hat das Unterbewusstsein ein Zwinkersmiley reingemacht. Und auch das ist eigentlich nur eine konsequente Weiterführung des Semikolons: Es ist weder Punkt noch Komma und irritiert einfach erstmal.

 

Höchste Zeit, uncool zu werden

Mit den Emojis (erfunden von einem Interaction Designer) sind nun aber Emoticons weitestgehend wieder obsolet geworden – vielleicht kommt das Aussterben des Semikolons also doch noch, einfach etwas verzögert? Und mit den Emojis, so scheint es, ist auch sonst einiges obsolet geworden: richtige Wörter in all ihren Facetten treffend und passend zu benutzen. Höchste Zeit also, dass sie endlich wieder uncool werden. Also die Emojis. Höchste Zeit auch, dass das Semikolon wieder cool wird.

Ah nein, das Semikolon war gar nie cool, sorry. :-/


Seit 2025 analysiert Sarah Pally in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» Begriffe mit Branchenbezug und kommentiert sie mit persönlicher Note, aus einer linguistischen Perspektive – sowie auch mit präzisem Blick auf die Entwicklungen in der Branche. Pally ist Teilhaberin der Agentur Partner & Partner in Winterthur. Sie ist seit 15 Jahren mit den Themen Contentmarketing, Text/Konzept und Storytelling im Kommunikations- und Marketingbereich unterwegs.

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