Blüten und Perlen: Das Märchen von den kopflosen Texter:innen
Sarah Pally, Linguistin und Partnerin bei der Agentur Partner & Partner, nimmt in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» die (Werbe-)Sprache unter die Lupe. Dieses Mal gibt es eine humorvolle Parabel darüber, dass unterschiedliche kreative Rollen zusammenwirken und am Ende pragmatische Umsetzung eine Idee erfolgreich zum Ziel bringt.

In einer längst vergangenen Zeit in einem fernen Königreich war einmal eine Lücke. Sie war schon immer da. Bis der König fand, es sei nun an der Zeit, sie zu füllen. Also bestellte er die besten Texter:innen seines Reiches und beauftragte sie damit.
Der Text musste vier Bedingungen genügen – falls das nicht gelänge, würden sämtliche Teilnehmenden geköpft werden.
Die Bedingungen lauteten:
- Der Text muss die Vorzüge des Königs und seiner Regentschaft auf den Punkt bringen.
- Der Text muss genau 2351 Zeichen (inkl. Leerzeichen) lang sein.
- Der Text muss professionell sein.
- Der Text muss bis kommenden Freitag EOB fertig sein.
Die Kosten spielten dabei keine Rolle. Die Texter:innen rieben sich schon die Hände: Na dann, nichts leichter als das!
Die Kreative rief «Ich habe die beste Idee: Wir machen zuerst einen Brainstorm-Workshop!». Die anderen nickten eifrig. Der Geniale ergänzte: «Am allerbesten in einer besonders anregenden Umgebung… Die Karibik!» Flüge wurden gebucht, Unterkünfte gegoogelt und die Koffer gepackt.
Im Resort auf Antigua ging es nach einem ausführlichen Nickerchen und einer kleinen Stärkung an die Arbeit: Vorteile wurden aufgelistet, Argumente hervorgebracht, Pool-Partys geschmissen, priorisiert, debattiert, geschlemmt, verworfen und alles wieder von vorne. Plötzlich ruft der Pflichtbewusste mit aufgerissenen Augen: «Es ist schon Donnerstagabend! Wir müssen uns jetzt an den Text machen!» Die Kreative sah ihre Arbeit zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als getan. Die Poetische redete sich heraus: «Ich bin zwar eine Grösse im Vollenden, aber jemand anderes muss den Text zunächst aufsetzen.» Der Perfektionist ergänzte: «Ich bin unschlagbar im Korrekturlesen, bei mir sollte der Text also zuallerletzt vorbeikommen.» Die Konzeptstarke rief: «Wir sollten doch vielleicht noch mehr recherchieren!» Der Geniale verwarf die Arme: «Also unter Druck kann ich sowieso nicht arbeiten». Da meldete sich der Realist: «Während ihr die Flüge gebucht habt, habe ich recherchiert. Während ihr euch endlos im Kreis gedreht habt, habe ich den Text entworfen. Während ihr euch vor der Arbeit gedrückt habt, habe ich ihn geschliffen. Euch muss man die Köpfe gar nicht erst abschlagen, ihr seid bereits kopflos!»
«Aber ist es auch der beste Text aller Zeiten?», fragten die Kreative und das Genie hämisch im Chor. «Ist er denn auch absolut fehlerfrei und über jeden stilistischen Zweifel erhaben?», wollten der Perfektionist und die Poetische selbstsicher wissen. «Also der König findet ihn tiptop», sagte da der Realist.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann erzählen die kopflosen Texter:innen noch heute ausführlich davon, wie sie einst des Königs Lücke füllten.
Seit 2025 analysiert Sarah Pally in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» Begriffe mit Branchenbezug und kommentiert sie mit persönlicher Note, aus einer linguistischen Perspektive – sowie auch mit präzisem Blick auf die Entwicklungen in der Branche. Pally ist Teilhaberin der Agentur Partner & Partner in Winterthur. Sie ist seit 15 Jahren mit den Themen Contentmarketing, Text/Konzept und Storytelling im Kommunikations- und Marketingbereich unterwegs.
