Digital Shapers 2026: Die Schweiz sucht ihren KI-Takt
Im Zürcher Folium wurde nicht einfach ein Ranking gefeiert. An den «Digital Shapers 2026» zeigte sich vielmehr, wie 100 Taktgeber und weitere Digital Leaders aus Wirtschaft, Politik, Forschung und Technologie der Schweiz im KI-Zeitalter Richtung, Resonanz und neuen Rhythmus geben wollen.
Das Setting stimmte. Die Alte Sihlpapierfabrik im Sihlcity, heute Folium, bot dem Abend jenen industriellen Resonanzraum, der zur digitalen Gegenwart erstaunlich gut passt. Wo früher Material verarbeitet wurde, wird heute Zukunft verhandelt. Gegen 80 der 100 ausgezeichneten «Digital Shapers» waren vor Ort, dazu eine hochkarätige Gästeschar aus Wirtschaft, Politik, Forschung und Technologie. Doch trotz Galaformat und prominenter Rednerschaft lag die eigentliche Spannung nicht im Feierlichen, sondern im Unterton dieses Abends. Denn die Schweiz feierte sich hier nicht einfach als innovatives Land. Sie suchte hörbar nach einem eigenen Takt für das KI-Zeitalter.

Auftakt mit Anspruch
Marc Walder setzte diesen Ton gleich zu Beginn. Für den Ringier-CEO und Initiator von digitalswitzerland war der Abend erkennbar mehr als eine Bühne für ein gut kuratiertes «Who’s who» der digitalen Schweiz. Er sprach von acht Editionen als gelebtem Beweis für die Innovationskraft des Landes und verwies darauf, dass die Arbeit von digitalswitzerland zehn Jahre nach der Gründung «nie wichtiger war als heute». Das klang nicht nach Jubiläumsrhetorik, sondern nach neuer Dringlichkeit. Denn künstliche Intelligenz verändert inzwischen praktisch jeden jener Bereiche, die das Ranking abbildet – von Banken über Telekommunikation und Medien bis hin zu Forschung und Verwaltung.

Walder gab dem Abend damit eine doppelte Bewegung. Einerseits würdigte er die 100 Köpfe als Beweis dafür, dass die Schweiz die nötigen Köpfe, Institutionen und Infrastrukturen besitzt. Andererseits schwang in seiner Wortwahl auch der Wunsch mit, der Bewegung digitalswitzerland wieder mehr Sichtbarkeit und Richtung zu geben. Vor der Pandemie hatte diese Initiative bereits eine markante Flughöhe erreicht. Nun, im KI-Zeitalter, scheint sie einen neuen Resonanzraum zu suchen – und mit den «Digital Shapers» auch gefunden zu haben.

Der neue Grundrhythmus
Wenn Walder den Grundton vorgab, dann lieferte Franziska Barmettler den Takt für die nächsten Schritte. Die CEO von digitalswitzerland sprach von «enormer Dynamik» und davon, dass neue Mitglieder an die Tür klopften, weil sie spürten, dass sich etwas bewege. Doch sie liess es nicht bei der Aufbruchsstimmung bewenden. Gerade grosse Chancen, so ihre Botschaft, verlangten auch grosse Anstrengung, Fokus und Zusammenarbeit.

Besonders stark war, wie konkret sie wurde. Bei der E-ID sagte sie sinngemäss: Das Ja an der Urne sei erst der Anfang gewesen, nun gehe es darum, zusammen mit Partnern in Verwaltung und Wirtschaft rasch Anwendungsfälle zu schaffen, die der Bevölkerung echten Nutzen bringen. Noch klarer wurde sie bei der künstlichen Intelligenz. Die Schweiz, sagte Barmettler, befinde sich in einer hervorragenden Ausgangslage. Aber jetzt müsse sich das Land um die richtigen Weichen kümmern: AI Governance, digitale Infrastruktur, KI-fähige Daten und KI-Kompetenz. Genau diese Felder nennt digitalswitzerland auch rund um den «AI Action Plan for Switzerland», der öffentliche und private Kräfte auf einer rollenden Handlungsagenda bündeln soll.
Hier wurde der Abend plötzlich operativ. Aus einer Auszeichnung wurde ein Arbeitsprogramm. Aus Glanz wurde Governance. Aus Sichtbarkeit wurde Verantwortung.
Der olympische Moment
Einen Satz, der hängen bleibt, lieferte Barmettler mit Blick auf 2027. Den Global AI Summit in Genf nannte sie den «olympischen Moment für Tech». Diese Formulierung ist gross, aber sie trifft etwas. Denn die Schweiz erhält mit dem Gipfel tatsächlich eine internationale Bühne. digitalswitzerland bezeichnet die Austragung des Summits 2027 in Genf selbst als Chance, die Rolle des Landes im globalen KI-Dialog zu stärken.
Doch ein olympischer Moment kann auch entlarven. Eine Bühne bringt nur dann etwas, wenn man darauf mehr zeigen kann als gute Absichten. Genau deshalb ist Barmettlers Hinweis wichtig. Es geht nicht nur darum, die Schweiz als Forschungs- und Innovationsstandort zu präsentieren, sondern nationale Akteure zu synchronisieren und die Bevölkerung stärker in diese Entwicklung einzubeziehen. KI soll eben nicht als Elitenprojekt erscheinen, sondern als gesellschaftliche Zukunftsfrage. Der Takt dieses Abends war deshalb nicht nur ambitioniert, sondern auch inklusiv gedacht.
Die Taktgeber des Abends
Zu den prägenden Stimmen gehörte auch Marc Kowalsky, stellvertretender Chefredaktor der «BILANZ» und Projektleiter «Digital Shapers». Als Vertreter der Kategorie «AI Acrobats» sagte er, dies sei jene Kategorie, über die derzeit am meisten gesprochen werde. Zugleich gab er einen aufschlussreichen Einblick in die Dichte des Feldes: Man hätte ohne Mühe 100 statt nur 10 «AI Acrobats» auswählen können. Darin steckt mehr als ein hübscher Nebensatz. Es zeigt, wie breit sich das KI-Thema inzwischen in der Schweiz aufgestellt hat – und wie stark sich die Auswahl verdichten musste, um überhaupt auf zehn Namen zu kommen.
Christine Antlanger-Winter von Google Schweiz gab dem Abend wiederum eine technische Erdung. Als sie die «Cloud Riders» vorstellte, bezeichnete sie die Cloud als Basis für jenes KI-Zeitalter, das nun zur vollen Blüte komme. Das war ein wichtiger Realitätscheck. KI wird derzeit oft beinahe magisch diskutiert. Antlanger-Winter erinnerte daran, dass unter jeder KI-Anwendung Infrastruktur liegt: Rechenleistung, Plattformen, skalierbare Systeme und verlässliche Datenströme. Wer von KI spricht, muss also auch von Cloud sprechen – und von der harten Architektur hinter dem grossen Versprechen.

Allen Cao, der neue CEO von Huawei Schweiz, setzte einen anderen, aber ebenso wichtigen Akzent. Sein Kernsatz lautete sinngemäss: Technologie allein verändert die Welt nicht. Es sind die Menschen, die Innovationen nutzen, in Lösungen übersetzen und für Gesellschaft und Wirtschaft wirksam machen. Für einen Vertreter eines globalen Infrastrukturkonzerns war das bemerkenswert zurückhaltend – und gerade deshalb glaubwürdig. Seine Rolle war an diesem Abend nicht die des grossen Disruptors, sondern die des Ermöglichers. Auch das passt zur Schweiz: Weniger Pathos der Plattform, mehr Betonung des Zusammenwirkens.

Zwischen Taktstock und Leitplanken
Bundeskanzler Viktor Rossi brachte eine andere Klangfarbe in den Abend: weniger Euphorie, mehr staatliche Nüchternheit. Und gerade das tat dem Gesamtbild gut. Rossi sprach nicht von KI als Heilsversprechen, sondern von Nutzen, Vertrauen und Verantwortung. Entscheidend sei, ob diese Technologie echten Mehrwert für Wirtschaft und Gesellschaft stifte. KI dürfe nicht bloss Effizienzgewinne simulieren oder als Spielerei beeindrucken, sondern müsse konkrete Probleme lösen.

Besonders wichtig war seine Verknüpfung mit gesellschaftlicher Akzeptanz. Die Menschen, so Rossis implizite These, tragen KI dort mit, wo der Nutzen sichtbar ist. Übersetzungen sind ein solches Beispiel. Diffuse oder schwer erklärbare Anwendungen hingegen erzeugen Skepsis. Das ist ein Kernpunkt für die Schweiz: Wer hier Vertrauen will, muss Relevanz liefern. Weniger Nebel, mehr Nachweis. Weniger Buzzword, mehr Gebrauchswert.
Rossis Auftritt brachte damit die notwendige politische Erdung in einen Abend, der sich sonst leicht in Standortpoesie hätte verlieren können. Er setzte Leitplanken, ohne auf die Bremse zu treten. Genau deshalb war sein Beitrag wichtig.

Kein Spektakel, sondern Präzision
Den vielleicht stärksten strategischen Satz des Abends lieferte Christoph Aeschlimann. Der Swisscom-CEO sagte sinngemäss, die Schweiz müsse nicht das Silicon Valley kopieren. Sie brauche nicht Spektakel, sondern Substanz. Dieser Gedanke bündelt fast alles, was an diesem Abend zwischen den Zeilen mitschwang.
Aeschlimann zeichnete das Bild einer Schweiz, die auch ohne eigenen Hyperscaler oder Tech-Giganten eine relevante Rolle im globalen KI-Gefüge spielen kann. Nicht durch Grösse, sondern durch Kultur, Infrastruktur, Vertrauen, Stabilität und Urteilskraft. Er argumentierte, dass in einer Welt agentischer KI künftig weniger das blosse Erledigen von Aufgaben zählt als die Fähigkeit, Ziele klug zu setzen, neue Ideen zu schaffen und Verantwortung zu übernehmen. Das ist ein starkes Gegenmodell zum blossen Rechenleistungswettlauf.
Gerade für die Schweiz ist das plausibel. Ihre Rolle dürfte weniger im lautesten Auftritt liegen als in der Entwicklung vertrauenswürdiger Systeme für kritische Bereiche: Gesundheit, Finanzwesen, Energie, Netze, Datenräume. Aeschlimann gab dem Abend damit nicht nur einen wirtschaftlichen, sondern beinahe zivilisatorischen Rahmen.

Die Soli der Schweiz
Und dann waren da natürlich die 100 «Digital Shapers» selbst. Sie bildeten keinen Chor im Gleichschritt, sondern eher ein Ensemble aus Soli. Genau darin lag die Stärke. Die zehn Kategorien machten sichtbar, dass die digitale Schweiz eben nicht aus einer einzigen Szene oder Disziplin besteht. KI war prominent, ja. Aber daneben standen Robotik, Cloud, Cybersecurity, Energie, Fintech, Health Tech, Quantum, Mentoring und Governance gleichberechtigt nebeneinander.

Gerade diese Breite macht das Format relevant. Es zeigt, dass digitale Transformation nie nur eine Frage von Modellen, Chips oder Apps ist. Sie entsteht im Zusammenspiel von Forschenden, Infrastrukturbauern, Gründerinnen, Sicherheitsleuten, Investoren, politischen Rahmensetzern und Übersetzern zwischen all diesen Welten. Die Schweiz erscheint hier nicht als monolithischer Tech-Standort, sondern als fein austariertes System unterschiedlicher Kräfte.
Die eigentliche Bewährungsprobe
So stark das Ensemble auftrat, so klar wurde auch: Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt erst jetzt. Die Schweiz gilt laut WIPO 2025 zum 15. Mal in Folge als innovationsstärkstes Land der Welt. Das ist eindrücklich, aber auch gefährlich bequem. Denn Rankings sind noch kein Betriebssystem. Exzellenz ist noch keine Breitenwirkung. Und gute Köpfe allein garantieren noch keine kulturelle Verankerung des Digitalen im Land.
Genau deshalb war der Abend mehr als eine Preisverleihung. Zwischen den Stimmen lag eine gemeinsame Aufgabe: Die Schweiz muss ihre KI-Chance in konkrete Anwendungen, tragfähige Leitplanken und gesellschaftlich anschlussfähige Praxis übersetzen. Es braucht mehr Use Cases, mehr mutige Umsetzung, mehr digitale Kompetenz und mehr Verankerung jenseits der bekannten Leuchttürme. ETH, Google oder OpenAI in der Schweiz sind wichtig. Aber sie reichen nicht. Erst wenn das Digitale zum Benzin einer breiter aufgestellten Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung wird, bekommt diese Erzählung wirklich Substanz.
Finale mit offenem Ausgang
Was also bleibt von diesem Abend im Folium? Sicher nicht nur ein Gruppenbild von 100 Namen. Eher der Eindruck einer Schweiz, die ihren KI-Takt noch nicht endgültig gefunden hat, aber hörbar danach sucht. Marc Walder gab den Auftakt. Franziska Barmettler den Grundrhythmus. Marc Kowalsky, Christine Antlanger-Winter und Alan Cao lieferten wichtige Einsätze. Viktor Rossi setzte die Leitplanken. Christoph Aeschlimann gab dem Ganzen Präzision. Und die 100 Digital Shapers machten sichtbar, dass es in diesem Land an Talent, Ideen und Gestaltungswillen nicht mangelt.
Die offene Frage lautet nun, ob aus diesem Abend mehr wird als Resonanz. Ob aus Stimmen Strukturen werden. Aus Symbolen Systeme. Aus einer feierlichen Momentaufnahme ein belastbarer Takt für die Schweiz im KI-Zeitalter. Genau darüber wird man nach diesem Abend weiterreden müssen. Und das ist, für einen solchen Anlass, vielleicht das beste Zeichen überhaupt.





