LFH: Leading from home

Warum manche Abkürzungen den Weg länger machen.

Manuel Wenzel, Kreativchef von TBWA\Zürich. (Bild: zVg.)

Geht Agentur auch remote? Klar, ist aber ätzend. Finde ich jedenfalls. Gerade mit Führungsverantwortung. Der Begriff dafür? LFA – lead from anywhere. Völlig remote aus einem Chalet oder einer mexikanischen Kreativ-Enklave via Teams oder Zoom. Klingt sexy, oder? Entspricht aber in keiner Form der Realität. Wie sieht die aus? LFH – Lead from home. Die Probleme, die ich hier sehe, gehen weit über das nahbar-sympathische «Durchs-Bild-Laufen» von Kindern, Hamstern und Partnern hinaus.

Zu viel Screen, zu wenig Reflektion

Problematisch ist die reine Screentime. Und dass an vielen Tagen zwischen Termin und Termin null Zeit ist. Wirklich null. Denn während sich in Villariba beim Teams-Call Nummer 1 noch verabschiedet wird, warten im Teams-Call 2 in Villabajo schon die nächsten Menschen. Selbst die dreieinhalb Minuten, die man «im Office» vielleicht von Meeting-Raum 1 zu Meeting-Raum 2 gelaufen ist, fallen weg. Geschweige denn die Reisezeit von oder zu Meetings mit Kunden oder Dienstleistern. Und damit auch die kurzen Momente der Reflektion oder des Abarbeitens von E-Mails.

Das weitaus grössere Problem ist aber die fehlende Nähe. Also physische Nähe, nicht die «‹Wie geht es Dir, mir geht es gut›-Bildschirm-Nähe». Aus meiner Sicht ist physische Nähe essenziell für emotionale Nähe. Zum Beispiel für den in diesem Kontext viel zitierten Witz an der Kaffeemaschine oder den Sprung auf den Tisch, wenn die Idee eines Teams in Cannes gewonnen hat. Oder auch mal das Trösten, wenn der Kunde sich trotz aller Bemühungen doch für «Das mit den Fähnchen» entschieden hat. Und wenn es dann sogar noch darum geht, kreativ zu sein, glaube ich, dass HO, LFA und LFH dem Ergebnis nicht guttun. Klar, es gibt die Ideen, die man sich mit Handwerk und Erfahrung erarbeitet. Und es gibt Ideen, die auf dem Sofa und in nur einem einzigen Kopf entstehen. Aber die Energie, die in einem Team entsteht, das sich im Idealfall auch noch gut leiden kann, ist nicht digitalisierbar. Und sie ist auch durch nichts ersetzbar. Sie wird niemals in einem Video-Chat entstehen. Niemand begegnet sich zufällig und ungeplant auf Teams, Google oder Zoom. Und steuert deshalb auch nichts Unerwartetes, aber vielleicht Unbezahlbares bei.

Es geht um das Schaffen und Pflegen einer Atmosphäre, einer (Agentur-)Kultur, eines Nährbodens für Kreativität und Gemeinschaftsgefühl. Es geht darum, einen Ort zu bauen, an dem man gerne ist – auch deshalb, weil an diesem Ort Menschen sind, mit denen man gerne zusammen ist und zusammen etwas erreicht. Und das ist aus meiner Sicht eine Führungsaufgabe. Ein Sprichwort aus Südafrika fasst es gut zusammen: «If you want to go fast, go alone. If you want to go far, go together.»


* Manuel Wenzel, Kreativchef von TBWA\Zürich, verwenzelt uns in den m&k-Printausgaben jeweils mit einer Kolumne. Was das heisst? Das wissen wir auch noch nicht so genau, deshalb lieben wir es. Die Werbebranche hat ein schiefes Image bei den Leuten da draussen – das muss geradegebogen werden, findet der Wenzel.

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