Zur Sache: Provokation

Vier grosse Tageszeitungen haben sich in den letzten vier Wochen ein neues Gesicht gegeben. Den Startschuss gab die Neue Zürcher Zeitung, kurz darauf kam der Tages-Anzeiger, dann der Blick und schliesslich noch der Bund.

Vier grosse Tageszeitungen haben sich in den letzten vier Wochen ein neues Gesicht gegeben. Den Startschuss gab die Neue Zürcher Zeitung, kurz darauf kam der Tages-Anzeiger, dann der Blick und schliesslich noch der Bund.
Die NZZ ist ein bisschen lesefreundlicher und jünger geworden. Sie wirkt modern und dennoch wie schon immer kompetent. Der Tagi-Relaunch ist zwar handwerklich gut gelungen, und man versucht in vielen Bereichen mehr Hintergrund und überraschendere Geschichten zu liefern. Irgendwie fehlt aber der ganz grosse Wurf. Man hat mehr erwartet, mehr Mut zur Eigenständigkeit und vielleicht auch mehr Pfiff. Der Blick hat zu seinen alten Werten zurückgefunden, vielmehr versucht er dies. Man ist wieder gross, farbig und fährt einen härteren Boulevardkurs. Aber irgendwie ist die ganze Anmutung noch eher bieder und irgenwie weichgespült. Das mag auch mit den vielen «frischen» Farben zu tun haben, die das neue Layout mit sich bringt. Der Bund hat sich ein neues Gesicht gegeben; es wirkt aufgeräumt und seriös und ist jetzt Tagi-kompatibel, was auch ein klares Ziel des Relaunchs war.
Jetzt schon endgültige Schlussfolgerungen ziehen zu wollen, wäre verfrüht. Bei jedem Print-Relaunch zeigt sich erst nach einer gewissen Zeit und in der täglichen Arbeit, wo noch Nachbesserungsbedarf herrscht und wo man vielleicht übers Ziel hinausgeschossen ist.
Etwas kann man aber sicher schon heute sagen: Die Relaunches allesamt sind eher evolutionär denn revolutionär. Ein solch vorsichtiges Vorgehen ist meiner Ansicht nach verständlich. Ein allzu abrupter Wechsel oder gar eine Revolution kommt bei den bestehenden Lesern in den meisten Fällen nicht gut an. Nachbessern kann man immer noch. Eine solche ist auch notwendig, denn alle vier Zeitungen brauchen neue Leser.
Da haben es die Politwerber doch viel einfacher. Mit reiner Provokation operiert die Anti-Minarett-Initiative. Das vielgeschmähte Plakat wurde schon vor dem ersten Aushang in allen Medien abgebildet und seitenweise kommentiert. Das verhängte Aushangverbot in gewissen Städten erhöhte den Aufmerksamkeitsgrad noch um einiges und das von Georg Kreis, dem Präsidenten der Antirassismuskommission, als menschenverachtend bezeichnete Onlinespiel steigerte die Wirkung gerade nochmals. Man versuche sich mal vorzustellen, was eine solche Werbung gekostet hätte, wenn man sie hätte bezahlen müssen.
Das haben sich wohl auch die Jungsozialisten gedacht, die mit einem Plakat, das Doris Leuthard als Schlächterin mit blutverschmierten Händen darstellt, ebenfalls auf den Gratis-Provokationszug aufspringen wollen.
Pierre C. Meier, Chefredaktor
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