Bürokraten, die Totengräber
Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich auch in unserem Musterländle ein Apparat von übereifrigen Apparatschiks entwickelt, die ungewählt und frei von jedem Fachwissen darüber entscheiden, was kommuniziert werden darf und wie. Das zeigt der Fall eines Riesenposters der Modekette Tally Weijl exemplarisch. Gastkommentar von Kaspar Loeb, CEO der Schweizer Werbeagentur Saatchi & Saatchi.
Wir lesen immer wieder über Zensur und die Behinderung der freien Rede und Kommunikation in Bananenrepubliken und autoritär gelenkten Systemen. So etwas wäre im Musterland der Demokratie natürlich undenkbar. Wirklich?
Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich auch in unserem Musterländle ein Apparat von übereifrigen Bürokraten entwickelt, die ungewählt und frei von jedem Fachwissen darüber entscheiden, was kommuniziert werden darf und wie. Wären es nur Schildbürgerstreiche, man könnte sie lächelnd und Kopf schüttelnd zur Kenntnis nehmen, die Eingriffe in die Kommunikationsfreiheit haben aber System.
Im März hätte für drei Wochen ein Riesenposter der Modekette Tally Weijl an einem Baugerüst beim Zürcher Bahnhofplatz hängen sollen. Der Platz war gebucht, doch dann kam die «Dienstabteilung Verkehr». Und plötzlich mutierten die staatlichen Verkehrslenker zur staatlichen Zensurbehörde. Die vielbefahrene Stelle sei «hochsensibel», liess ein Sprecher den Medien ausrichten und fügte den bemerkenswerten Satz hinzu: «Da wäre lediglich eine einfache Botschaft unbedenklich.» Bedenklich war offensichtlich das Sujet, eine «lasziv» blickende, «leicht bekleidete» Frau, aber vor allem ein englischer Text mit acht (!) Worten.
Was für ein Frevel und welch ein offensichtlicher Verstoss gegen die Zürcher Reglementierung der Grossplakate. Die dürfen nämlich nur einfach erfassbare Sujets zeigen und müssen in gut lesbarer Schrift gestaltet sein. Und dann kommts: Erlaubt sind nur SIEBEN Worte.
Man möchte meinen, dies sei ein 1.-April-Scherz, aber mitnichten. Man stellt sich vor, dass ein Hand verlesenes Gremium von ausgewählten (nicht gewählten!) Verkehrsreglern in stundenlangen Sitzungen darüber gebrütet und das Ei des Kolumbus gefunden hat, dass bei mehr als sieben Worten die vorbei fahrenden Männer beim Begaffen des «lasziven» Frauenblicks und der Ungeheuerlichkeit von ACHT Worten reihenweise Auffahrunfälle verur¬sacht hätten.
Vielleicht hatten sie aber auch nur eine göttliche Eingebung und kamen sozusagen mit Hilfe des heiligen Geists auf die symbolträchtige Zahl 7.
Beruhigend für die Industrie der werbenden Kreativen ist eigentlich nur die Tatsache, dass die Bürokraten anscheinend daran glaubten, dass die Menschen tatsächlich von dem übrigens durchaus attraktiven Riesenposter Kenntnis genommen und sogar den Text gelesen hätten: «I fight to protect the little wave riders.» Die Dienstabteilung Verkehr (nur schon der Name ist ein kommunikatives Gesamtkunstwerk) wollte aber nur drei Worte zulassen, was dann bestens zu ihrem absurden Ansinnen gepasst hätte: «I fight to…» Ja, wofür kämpfen sie denn eigentlich?
Das ist aber so ziemlich die einzige gute Nachricht, weil sich in Behörden und Departementen zunehmend regulierungswütige Bürokraten tummeln, die zur Kommunikation eine ähnliche Beziehung haben wie der Landschaftsgärtner zum Unkraut. Nie würden besagte Beamte hinnehmen, dass fachfremde, selbst ernannte Experten so in ihrem Vorgarten wüten würden. Aber weil es mit der Kommunikation ist wie mit dem Schiedsrichter, alle sind Experten, hat sich ein Wildwuchs von sinnlosen Regulierungen entwickelt, die nicht nur die kommerzielle Kommunikation einschränken, sondern die Kommunikationsfreiheit als Ganzes strangulieren.
Wenn es aber wirklich Anlass zu einer Diskussion gäbe, glänzen die Oberregulierer mit Abwesenheit. Wenn nämlich im Zürcher Hauptbahnhof auf dem prominentesten Riesenposter der Schweiz ein unglaublich dümmlich sexistisches Motiv der Saxobank prangt, auf der ein Mann beim Blick durch gespreizte Frauenbeine auf seinem Handy den schnellen Trade macht, passiert gar nix. Klar, es fahren auch keine Autos durch die Bahnhofshalle und Auffahrunfälle würden wohl nur zwischen Passanten im Schrittempo stattfinden. Und dann ist natürlich jemand ganz anderer zuständig, und der Bürokrat wird gerne auf sein Reglement und in diesem Fall seine Nichtzuständigkeit verweisen.
Aber was wollen wir lamentieren, geht es doch unseren französischen Nachbarn noch viel schlechter. In Paris mussten 2000 Plakate für eine Ausstellung über den französischen Komiker Jacques Tati retouchiert werden. Das «Mon Oncle»-Plakat zeigte Tati beim Velofahren mit Pfeife im Mund. Das geht natürlich im Zeitalter des Werbeverbots für Tabakwaren zu weit.
Der grosse Regisseur Costa Gavras, der die Ausstellung in der Cinémathèque française organisiert, fand die passenden Worte: Das sei «absurd und lächerlich». Recht hat er.
Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich auch in unserem Musterländle ein Apparat von übereifrigen Bürokraten entwickelt, die ungewählt und frei von jedem Fachwissen darüber entscheiden, was kommuniziert werden darf und wie. Wären es nur Schildbürgerstreiche, man könnte sie lächelnd und Kopf schüttelnd zur Kenntnis nehmen, die Eingriffe in die Kommunikationsfreiheit haben aber System.
Im März hätte für drei Wochen ein Riesenposter der Modekette Tally Weijl an einem Baugerüst beim Zürcher Bahnhofplatz hängen sollen. Der Platz war gebucht, doch dann kam die «Dienstabteilung Verkehr». Und plötzlich mutierten die staatlichen Verkehrslenker zur staatlichen Zensurbehörde. Die vielbefahrene Stelle sei «hochsensibel», liess ein Sprecher den Medien ausrichten und fügte den bemerkenswerten Satz hinzu: «Da wäre lediglich eine einfache Botschaft unbedenklich.» Bedenklich war offensichtlich das Sujet, eine «lasziv» blickende, «leicht bekleidete» Frau, aber vor allem ein englischer Text mit acht (!) Worten.
Was für ein Frevel und welch ein offensichtlicher Verstoss gegen die Zürcher Reglementierung der Grossplakate. Die dürfen nämlich nur einfach erfassbare Sujets zeigen und müssen in gut lesbarer Schrift gestaltet sein. Und dann kommts: Erlaubt sind nur SIEBEN Worte.
Man möchte meinen, dies sei ein 1.-April-Scherz, aber mitnichten. Man stellt sich vor, dass ein Hand verlesenes Gremium von ausgewählten (nicht gewählten!) Verkehrsreglern in stundenlangen Sitzungen darüber gebrütet und das Ei des Kolumbus gefunden hat, dass bei mehr als sieben Worten die vorbei fahrenden Männer beim Begaffen des «lasziven» Frauenblicks und der Ungeheuerlichkeit von ACHT Worten reihenweise Auffahrunfälle verur¬sacht hätten.
Vielleicht hatten sie aber auch nur eine göttliche Eingebung und kamen sozusagen mit Hilfe des heiligen Geists auf die symbolträchtige Zahl 7.
Beruhigend für die Industrie der werbenden Kreativen ist eigentlich nur die Tatsache, dass die Bürokraten anscheinend daran glaubten, dass die Menschen tatsächlich von dem übrigens durchaus attraktiven Riesenposter Kenntnis genommen und sogar den Text gelesen hätten: «I fight to protect the little wave riders.» Die Dienstabteilung Verkehr (nur schon der Name ist ein kommunikatives Gesamtkunstwerk) wollte aber nur drei Worte zulassen, was dann bestens zu ihrem absurden Ansinnen gepasst hätte: «I fight to…» Ja, wofür kämpfen sie denn eigentlich?
Das ist aber so ziemlich die einzige gute Nachricht, weil sich in Behörden und Departementen zunehmend regulierungswütige Bürokraten tummeln, die zur Kommunikation eine ähnliche Beziehung haben wie der Landschaftsgärtner zum Unkraut. Nie würden besagte Beamte hinnehmen, dass fachfremde, selbst ernannte Experten so in ihrem Vorgarten wüten würden. Aber weil es mit der Kommunikation ist wie mit dem Schiedsrichter, alle sind Experten, hat sich ein Wildwuchs von sinnlosen Regulierungen entwickelt, die nicht nur die kommerzielle Kommunikation einschränken, sondern die Kommunikationsfreiheit als Ganzes strangulieren.
Wenn es aber wirklich Anlass zu einer Diskussion gäbe, glänzen die Oberregulierer mit Abwesenheit. Wenn nämlich im Zürcher Hauptbahnhof auf dem prominentesten Riesenposter der Schweiz ein unglaublich dümmlich sexistisches Motiv der Saxobank prangt, auf der ein Mann beim Blick durch gespreizte Frauenbeine auf seinem Handy den schnellen Trade macht, passiert gar nix. Klar, es fahren auch keine Autos durch die Bahnhofshalle und Auffahrunfälle würden wohl nur zwischen Passanten im Schrittempo stattfinden. Und dann ist natürlich jemand ganz anderer zuständig, und der Bürokrat wird gerne auf sein Reglement und in diesem Fall seine Nichtzuständigkeit verweisen.
Aber was wollen wir lamentieren, geht es doch unseren französischen Nachbarn noch viel schlechter. In Paris mussten 2000 Plakate für eine Ausstellung über den französischen Komiker Jacques Tati retouchiert werden. Das «Mon Oncle»-Plakat zeigte Tati beim Velofahren mit Pfeife im Mund. Das geht natürlich im Zeitalter des Werbeverbots für Tabakwaren zu weit.
Der grosse Regisseur Costa Gavras, der die Ausstellung in der Cinémathèque française organisiert, fand die passenden Worte: Das sei «absurd und lächerlich». Recht hat er.
