Das gelbe Trikot wird weiss gewaschen
Die Tour de France ist nicht nur ein sportlicher Event. Für die «Grande Nation» ist sie auch ein gesellschaftliches Ereignis mit politischer Zielsetzung. Von Jürg Altwegg, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf und Buchautor.
Wer hat eigentlich im vergangenen Jahr die Tour de France gewonnen? Bei dieser Frage muss auch mancher Radsportfan passen. Jeder aber weiss seit Monaten, dass am Samstag Lance Armstrong an den Start gehen wird, der historische – siebenfache – Seriensieger der französischen Landesrundfahrt. Der sonst nie irgendetwas gewann. Nach einem Gespräch mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in New York hatte er im vergangenen September sein Comeback angekündigt. Dem Staatschef geht es darum, den Mythos der Tour de France zu regenerieren.
Seit einem Jahrzehnt ist sie nur noch ein Schatten ihrer selbst, eine dopingverseuchte Veranstaltung. Verschiedene Länder verzichten auf die Direktübertragung. Jetzt soll es offenbar wieder werden wie früher: Man verschweigt die Missstände. Die Besitzer der angesehenen Sportzeitung L‘Equipe haben der Redaktion nachdrücklich empfohlen, dem Doping Bedeutung beizumessen – und keine Enthüllungen mehr zu publizieren. Für die Eigentümer von L‘Equipe geht es dabei um geschäftliche Interessen. Denn auch die Rundfahrt gehört ihnen, und sie ist, was Zeitungen nicht mehr sind: ein einträgliches Geschäft. Mit jährlich dreissig Millionen Euro Gewinn.
Die Berichterstattung über sie war stets eine Gratwanderung für die Reporter. Gegenwärtig steht L‘Equipe auch in einem harten Konkurrenzkampf. Das Anzeigenaufkommen ist eingebrochen, die Leserzahlen sind rückläufig. Die Redaktion steht unter Druck – zweimal sind die Chefs im Laufe eines Jahres ausgewechselt worden. Erstmals in der Geschichte der Zeitung sind die «elitären» Spezialisten für Rad und Leichtathletik von den «populistischen» Fussball-Experten von der Spitze abgelöst worden.
Im Hintergrund spielen offensichtlich auch die Doping-Vorwürfe, die L‘Equipe gegen Lance Armstrong vorgebracht hatte, eine Rolle. Die Redaktion veröffentlichte Informationen aus dem Anti-Doping-Labor in Chatenay-Malabry über sechs auf den Blutverdicker Epo positive Doping-Proben Armstrongs aus dem Jahr 1999, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Weil die Proben nur für wissenschaftliche Zwecke analysiert wurden und eigentlich anonymisiert waren und weil keine – juristisch vorgeschriebene – Gegenanalyse möglich war, wurde der Amerikaner nie verurteilt oder gesperrt.
Für den Armstrong-Fan Sarkozy geht es um nationale Interessen. Nach der Skiweltmeisterschaft im Februar in Val d‘Isère sagte der Staatschef, der die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking besucht hatte, sein Land müsse wieder vermehrt internationale Sportereignisse veranstalten. Die Niederlage gegen London bei der Vergabe der Sommerspiele 2012 ist ein französisches Trauma geblieben. Die Tour de France muss zu ihrem alten Glanz zurückfinden. Das jetzt inszenierte politische und publizistische Lehrstück soll auch die internationalen Verbände, die Titelkämpfe zu vergeben haben, beeindrucken. In einem dieser Tage erschienenen Buch berichtet ein entlassener Ex-Equipe-Redaktor, in Peking hätten Gespräche zwischen den Franzosen und dem Weltverband des Radsports stattgefunden. Drei Wochen später haben die Tour-Veranstalter den Doping-Verantwortlichen, der für einen sauberen Radsport kämpfte, entlassen – und später die entsprechenden Richtlinien an die Redaktion kommuniziert.
Das Gelbe Trikot wird weiss gewaschen. Am Sonntag vor dem Start der grossen Tour war Lance Armstrong als Gast in einer beliebten Fernseh-Show von France 2, deren Präsentator gelegentlich mit Sarkozy auf dem Rad trainiert, angesagt. Der öffentlich-rechtliche Sender, dem Sarkozy die Werbung entzogen hat, überträgt die Tour de France – auch von seinen Kommentatoren muss man kaum kritische Töne erwarten.
Nach seinen mässigen Leistungen am Giro d’Italia erwartet erst recht niemand, dass Lance Armstrong Carlos Sastre als Sieger wird ablösen können. Ob er dem Mythos Tour de France mit seiner Teilnahme nützen kann, ist mehr als fraglich. Gerüchteweise geht es ihm darum, die Veranstaltung zu kaufen. Die Radsportfans und -experten sind jedenfalls entsetzt über dieses amerikanische Comeback. Man wird die Tour de France in den kommenden Wochen nicht aus sportlichen Gründen verfolgen. Auch wenn wir Schweizer ein bisschen auf Fabian Cancellara hoffen – trotz allem.
Man wird die «Grande Boucle» als gesellschaftliches Ereignis mit politischer Zielsetzung beobachten. Und L’Equipe zwischen den Zeilen lesen. Stets mit der gelassenen und beruhigenden Gewissheit, dass der sportliche Mythos des Jahres nicht Lance Armstrong sein wird. Sondern in Paris bereits produziert wurde: Roger Federer.
Seit einem Jahrzehnt ist sie nur noch ein Schatten ihrer selbst, eine dopingverseuchte Veranstaltung. Verschiedene Länder verzichten auf die Direktübertragung. Jetzt soll es offenbar wieder werden wie früher: Man verschweigt die Missstände. Die Besitzer der angesehenen Sportzeitung L‘Equipe haben der Redaktion nachdrücklich empfohlen, dem Doping Bedeutung beizumessen – und keine Enthüllungen mehr zu publizieren. Für die Eigentümer von L‘Equipe geht es dabei um geschäftliche Interessen. Denn auch die Rundfahrt gehört ihnen, und sie ist, was Zeitungen nicht mehr sind: ein einträgliches Geschäft. Mit jährlich dreissig Millionen Euro Gewinn.
Die Berichterstattung über sie war stets eine Gratwanderung für die Reporter. Gegenwärtig steht L‘Equipe auch in einem harten Konkurrenzkampf. Das Anzeigenaufkommen ist eingebrochen, die Leserzahlen sind rückläufig. Die Redaktion steht unter Druck – zweimal sind die Chefs im Laufe eines Jahres ausgewechselt worden. Erstmals in der Geschichte der Zeitung sind die «elitären» Spezialisten für Rad und Leichtathletik von den «populistischen» Fussball-Experten von der Spitze abgelöst worden.
Im Hintergrund spielen offensichtlich auch die Doping-Vorwürfe, die L‘Equipe gegen Lance Armstrong vorgebracht hatte, eine Rolle. Die Redaktion veröffentlichte Informationen aus dem Anti-Doping-Labor in Chatenay-Malabry über sechs auf den Blutverdicker Epo positive Doping-Proben Armstrongs aus dem Jahr 1999, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Weil die Proben nur für wissenschaftliche Zwecke analysiert wurden und eigentlich anonymisiert waren und weil keine – juristisch vorgeschriebene – Gegenanalyse möglich war, wurde der Amerikaner nie verurteilt oder gesperrt.
Für den Armstrong-Fan Sarkozy geht es um nationale Interessen. Nach der Skiweltmeisterschaft im Februar in Val d‘Isère sagte der Staatschef, der die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking besucht hatte, sein Land müsse wieder vermehrt internationale Sportereignisse veranstalten. Die Niederlage gegen London bei der Vergabe der Sommerspiele 2012 ist ein französisches Trauma geblieben. Die Tour de France muss zu ihrem alten Glanz zurückfinden. Das jetzt inszenierte politische und publizistische Lehrstück soll auch die internationalen Verbände, die Titelkämpfe zu vergeben haben, beeindrucken. In einem dieser Tage erschienenen Buch berichtet ein entlassener Ex-Equipe-Redaktor, in Peking hätten Gespräche zwischen den Franzosen und dem Weltverband des Radsports stattgefunden. Drei Wochen später haben die Tour-Veranstalter den Doping-Verantwortlichen, der für einen sauberen Radsport kämpfte, entlassen – und später die entsprechenden Richtlinien an die Redaktion kommuniziert.
Das Gelbe Trikot wird weiss gewaschen. Am Sonntag vor dem Start der grossen Tour war Lance Armstrong als Gast in einer beliebten Fernseh-Show von France 2, deren Präsentator gelegentlich mit Sarkozy auf dem Rad trainiert, angesagt. Der öffentlich-rechtliche Sender, dem Sarkozy die Werbung entzogen hat, überträgt die Tour de France – auch von seinen Kommentatoren muss man kaum kritische Töne erwarten.
Nach seinen mässigen Leistungen am Giro d’Italia erwartet erst recht niemand, dass Lance Armstrong Carlos Sastre als Sieger wird ablösen können. Ob er dem Mythos Tour de France mit seiner Teilnahme nützen kann, ist mehr als fraglich. Gerüchteweise geht es ihm darum, die Veranstaltung zu kaufen. Die Radsportfans und -experten sind jedenfalls entsetzt über dieses amerikanische Comeback. Man wird die Tour de France in den kommenden Wochen nicht aus sportlichen Gründen verfolgen. Auch wenn wir Schweizer ein bisschen auf Fabian Cancellara hoffen – trotz allem.
Man wird die «Grande Boucle» als gesellschaftliches Ereignis mit politischer Zielsetzung beobachten. Und L’Equipe zwischen den Zeilen lesen. Stets mit der gelassenen und beruhigenden Gewissheit, dass der sportliche Mythos des Jahres nicht Lance Armstrong sein wird. Sondern in Paris bereits produziert wurde: Roger Federer.
