Und immer wieder ein Kupferstich des Rütlischwurs
Bundesrat Alain Berset warnt vor «unnötigen» Spaltungen wegen der heftigen Debatten um die helvetischen Geschichtsbilder. Er liegt falsch: Wo Gräben sind, hilft nur der Streit. Von Hans Stutz
Auch Floskeln sorgen gelegentlich für Erkenntnisgewinn. Zum Beispiel bei Bundesrat Alain Berset. Als Sozialdemokrat Mitglied einer Partei, welche die sozialen Unterschiede in der Schweiz und in der Welt stetig und zu Recht betont und beklagt und zu verringern versucht. Berset meinte vergangene Woche im Nationalrat, die aktuelle und heftige Debatte über die Schweizer Geschichtsbilder spalte das Land «unnötigerweise». Zwischenfrage: Gibt es nötige Spaltungen, die das Land zu ertragen hat? Die markanten Einkommens- und Vermögensdifferenzen zum Beispiel? Fraglos hinzunehmen, da für den Erfolg der Grossbanken und für deren Aktionäre im In- und Ausland wichtig? Und wie ist es mit dem stetig schwerer werdenden Zugang für Ausländer zum Bürgerrecht – und damit zu den politischen Rechten? Eine Frage bleibt: Was sind das für Demokraten, die anderen Einwohnern und Steuerzahlern – teils jahrzehntelang – das politische Mitbestimmen vorenthalten? Ist das eine Gesellschaft mit beschränkter Demokratie, eine GmbD?
Nein, solche Fragen waren nicht Bersets Absicht. Er orientierte sich an der ebenso bürgerlichen wie langweiligen Landestradition, Widersprüche kleinzureden. Wer jenseits dieser ungeschriebenen Übereinkunft Fragen und Forderungen stellt, bleibt Aussenseiter. Geschah den Sozialdemokraten bis sie die Landesverteidigung akzeptierten und nicht mehr vom Klassenkampf redeten, den die Bürgerlichen weiterhin betrieben.
Wo sich Gräben auftun, helfen Harmonisierungsaufrufe nicht mehr. Konkret: In der Schweiz – wie in anderen Ländern Europas – dampft seit Jahren ein Kulturkampf, vorangetrieben von traditionalistischen/ fundamentalistischen Christen, Lebensschützern und nationalistischen Wirtschaftsliberalen. Kampffelder sind Themen wie Familien (ausschliesslich für Heteros?), eingetragene Lebensgemeinschaften, Abtreibung, Drogen und nationale Identität in einem christlich-jüdischen Abendland (mit oder ohne Muslime?). Oder anders ausgedrückt: Viele gesellschaftlichen Liberalisierungen vergangener Jahrzehnte sollen gestoppt oder rückgängig gemacht werden. (Wer einmal nachlesen will, wie intolerant, engstirnig und freudlos die Schweizer Gesellschaft in den 1950er- bis 1970er-Jahren war, lese eine Stunde im Buch des verstorbenen Journalisten Max Schmid. Demokratie von Fall zu Fall. Zürich 1976.)
Diese nationalkonservative Allianz hat einen Startvorteil. Sie bewirtschaftet Geschichtsbilder, die noch bis Mitte der 1980er-Jahre bürgerliche Übereinkunft waren, zusammengefasst in der Formel «Sonderfall Schweiz», mit der sich auch die politische Isolation (keine Mitgliedschaft in internationalen Organisationen wie UNO oder EU) rechtfertigen liess. Der Rest war und ist Folklore: Keine Schlachtfeier ohne Männer in Landsknecht-Uniformen, kein OLMA-Gastkanton ohne Hellebardenträger.
Diese Schweizer Mythen dominieren auch an Orten, wo man es nicht erwartet. Ein erhellendes Beispiel erwähnt der Historiker Thomas Maissen, einst NZZ-Redaktor, dann Geschichtsprofessor in Heidelberg, nun Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Paris: Fast alle seine Interviews zu den Schweizer Geschichtsbildern seien in den Printmedien von den Redaktionen entweder mit «irgendeinem Kupferstich des Bundesschwurs» oder mit einer Fotografie aus dem Zweiten Weltkrieg illustriert worden. Sie würden damit die schweizerische Geschichte «auf zwei Phasen des heldenhaften Widerstandes gegen ausländische Bösewichte reduzieren», einerseits die habsburgischen Vögte, anderseits die «Nazischergen». Jenes Konstrukt also, welche Blocher & Mörgeli & Köppel in diesen Wochen zu verbreiten versuchen. Auf Kritik antworten sie mit Unterstellungen, wie Christoph Blocher: Maissen mindere die Schweiz herab, weil er sie in die EU führen möchte. Fazit: Streit ist nötig. Auch Medienschaffende, ob in Redaktionen, PR-Büros oder Werbeagenturen, kommen nicht darum herum, sich vermehrt der aufgeklärten und urbanen Schweiz zuzuwenden. Und den freiheitlichen Traditionen, die gegen den Widerstand von Patriziern, Klerus und Bergbauern, sich auch in der Schweiz entwickeln konnten.
Hans Stutz ist Journalist in Luzern. Er ist auch Mitglied des Kantonsrates und der Grünen.
