Zur Sache: Fairness fällt schwer
Der diesjährige Communication-Summit drehte sich um das Thema Fairness. Untertitel: «Wie Medien, PR und Öffentlichkeit von einem respektvollen Umgang profitieren.» Und schon da hätte man skeptisch werden können. Umgang womit? Mit wem?
Respekt ist immer gut und sollte einer der Grundzüge unseres Zusammenlebens sein, nicht nur in der Kommunikationsbranche. Wo der Respekt voreinander fehlt, bricht alles zusammen.
Respekt vor dem Gegenüber ist auch eine grundlegende Bedingung für Fairness. Und Fairness braucht Empathiefähigkeit, die Bereitschaft, sich in seinen Mitmenschen hineinzuversetzen, mit ihm zu fühlen, aus seiner Perspektive zu denken und auch: mit ihm zu leiden. Dann kann man einen jeden mit dem besten Argument zu Wort kommen lassen, ohne die Distanz zum Stoff zu verlieren.
Doch: Was genau ist ein faires, anständiges, gerechtes Verhalten eines Journalisten? Wenn er alles abdruckt, was gesagt wird, nicht kürzt, nicht reformuliert? Wenn er zu jeder Aussage eine Gegenposition sucht? Wenn er die Fakten prüft, bis die Konkurrenz publiziert hat? Und wie informiert ein PR-Mensch fair? Indem er auch über die Produkte der Wettbewerber spricht?
Profitieren Medien und PR eigentlich wirklich, wenn sie sich fair verhalten? Im Gegenteil. Der höhere Profit winkt, wenn man unfair kommuniziert: Eine Skandalmeldung als Erster platzieren, dann erst die Fakten prüfen und sie im Eventualfall durch eine Gegendarstellung wieder richtigrücken. Was entstandenen Schaden nicht ungeschehen macht, aber noch einmal Aufmerksamkeit erzeugt. Kein Wunder, dass das Vertrauen in die Medien abnimmt. Und Sie werden lachen: Kanadische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass gestresste Menschen weniger Mitleid empfinden. Das passt ins Bild, das Journalisten und PRler heute abgeben.
In unserer ichbezogenen Gesellschaft ist es fast heikel geworden, sich fair zu verhalten – denn wer auch auf andere Menschen schaut, kann allzu schnell ins Hintertreffen geraten. Wer eine eigene Meinung vertritt, wird ohnehin angegriffen, denn irgendwer fühlt sich immer unfair behandelt. Wie mutig also von der Zürcher PR-Gesellschaft, die Debatte über Fairness in den Mittelpunkt des Communication- Summit zu rücken. Und wie wichtig, gerade heute. Doch wie fade die Ergebnisse!
Aufschluss hätte man sich gewünscht, Anregungen zum Denken, zum Handeln. Stattdessen kam viel Altes und Unfaires auf den Tisch: der Vorwurf, Claudio Zuccolini sei nicht lustig (aus dem Jahr 2013). Die Hetze gegen Jörg Kachelmann im Zuge des Vergewaltigungsprozesses in Deutschland (aus den Jahren 2010/11) und die Vermutung, er empfinde Lust dabei, deutsche und Schweizer Medienhäuser der Reihe nach zu verklagen. Res Strehles Polizeifotos, die schon vor zwei Jahren 30 Jahre alt waren, und seine Entscheidung, Gerichts- und Verfahrenskosten den «verantwortlichen» Tagi-Ressorts anzulasten – eine kleine «Motivation zum handwerklich korrekten Arbeiten ». Was, bitteschön, ist daran fair?
Getwittert wurden folglich auch keine zentralen Erkenntnisse, sondern vor allem die Kalauer von Allzeit-Clown Zuccolini. Je höher der Zeit- und Kostendruck in unserer Branche wird, desto weniger wagen ihre Vertreter, Stellung zu beziehen. Schliesslich will man ja fair bleiben und niemandem auf die Füsse treten. Am allerwenigsten sich selbst.
Anne-Friederike Heinrich, Chefredaktorin
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