Zur Sache: Das ewig Weibliche

Der australische Fernsehmoderator Karl Stefanovic stand ein Jahr lang im selben blauen Anzug vor der Kamera. Und niemand hat es bemerkt.

Stefanovic ist kein Grüsel, sondern er wollte mit seiner Aktion darauf aufmerksam machen, dass Männer und Frauen im Fernsehen ungleich behandelt werden. Während es bei Männern zentral ist, was sie sagen, wie sie interviewen und kommentieren, zählt bei Frauen, wie sie gekleidet sind und ob sie «die Haare schön» haben. Während der immer gleiche Anzug Stefanovics niemanden zu stören schien, muss sich seine Co-Moderatorin für jedes neue Kostüm rechtfertigen. Und sicher bekommt sie auch noch ein niedrigeres Gehalt.

Dass Frauen auf Äusserlichkeiten reduziert und für das schwache Geschlecht gehalten werden, ist keine Neuigkeit. Und empört dennoch immer wieder. Symbolisch nur dies: Da ist der Audi-A6-Fahrer, der mit dem Heck weit über das Ende seiner Parklücke hinausragt, nach vorne genug Platz hat und die dicht hinter ihm parkierende Dame, die die Parklücke hinter sich nicht mehr als notwendig blockieren möchte, mit einer unverschämten Handbewegung zurückwedelt, damit er einfacher ausparken kann. Und sich dafür nicht einmal schämt. Sie erfasst die Situation, er dominiert sie. Einer Frau wäre so etwas zu peinlich. Aber dem Mann wird ab Geburt zugebilligt, dass er Auto fahren kann. Also darf er es auch nicht können.

Männer sind Schweine – doch zum Glück die wenigsten. Sie sind berechenbar und wenn sie es gern hübsch haben und sich stark fühlen möchten, bitte sehr. Wenn sie mir dafür die Tür aufhalten. Nur wenige Männer würden über Kostümfarben lästern, denn die meisten interessieren sich für solche Dinge gar nicht. Frauen aber tun so etwas. Die grössere Gefahr für die Gleichstellung von Mann und Frau sind deshalb die Frauen selbst. Die Karrierebiester, die glauben, sie müssten zum Cowboy werden, um in der «Männerwelt» bestehen zu können. Stutenbeissen inklusive. Ladys, macht euch bewusst: «Die Männerwelt » gibt es gar nicht. Wir sind in der Überzahl!

Warum nicht einfach Frau bleiben, voll engagiertes Mami sein und gleichzeitig Führungsperson, Chefin? Warum sollte das nicht gehen? Männer sitzen im Verwaltungsrat und gehen am Abend ins Fitness. Frauen stossen am Morgen neue Projekte an, treffen am Mittag Personalentscheidungen, bereiten am Nachmittag ihre Moderation oder ein Interview vor und schenken ihren Kindern am Abend Geborgenheit. Wer ist da das Multitalent? (Ja, Männer, ihr macht das mit der Hausarbeit schon gaaaanz toll!)

Ein Mensch ist nie einfach nur Verwaltungsrätin oder Moderator. Er ist noch mehr – und wenn er eine Frau ist, ganz viel mehr. Das Geheimnis unseres Erfolgs ist Authentizität mit allen Facetten, nicht Anpassung. Dann kommt die Akzeptanz von ganz allein. Irgendwann kann man dann auch anziehen, was man möchte.

Übrigens macht mein Dreijähriger derzeit aus dem Samichlaus einen Mamichlaus. Vielleicht ein Wink mit dem Chlaussack.

Anne-Friederike Heinrich, Chefredaktorin
[email protected]
 

More articles on the topic