Zu guter Letzt: Drei Millionen gespülte Toiletten
Die Ice-Bucket-Challenge scheint überstanden – und hinterlässt nicht nur, aber auch einen schalen Nachgeschmack. Und knapp 20 Millionen Liter verschüttetes Wasser.
Die Ice-Bucket-Challenge war zweifelsohne das globale Web-Ereignis des Jahres. Um auf die Nervenkrankheit ALS aufmerksam zu machen und Spenden zu generieren, übergossen sich weltweit Menschen vor laufender Kamera mit Eiswasser, um danach Kollegen zur Challenge zu nominieren. Diese wiederum hatten 24 Stunden Zeit, die Aufgabe zu erfüllen. Das karitative Schneeball-Prinzip mobilisierte insbesondere prominente Teilnehmer in rauhen Massen (mehr zu den Gründen des Erfolges: Beat Hürlimann in der Werbewoche).
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Nur wenige wagten, sich dem digitalen Kettenbrief zu verweigern. Mehrdad Amirkhizi, Ressort-Leiter bei Horizont, lehnte die Challenge ab und erntete – entgegen seiner Befürchtungen – nicht Kritik, sondern Beifall. ARD-Nachrichtensprecherin Linda Zervakis ging ebenfalls unter die «Verweigerer» und gab als Grund nicht nur ihre Schwangerschaft an. Sie spende lieber still und leise – auch an andere Hilfsbedürftige.
Gerade in Deutschland mehrten sich im Laufe der Aktion die kritischen Stimmen. Viele Teilnehmende vergassen vor lauter Selbstinszenierung und Eigenwerbung den eigentlich Sinn und Zweck des Eiswasser-Schockes. Mehr oder minder prominente Teilnehmerinnen wie Micaela Schäfer, Verona Pooth oder Helene Fischer präsentierten sich halb nackt und äusserst öffentlichkeitswirksam einem Millionenpublikum. Rapper Kay One machte sich einen Spass daraus, seinen Erzfeind Bushido zu nominieren. Ob das wirklich im Sinne des inzwischen verstorbenen Erfinders der Challenge war? Besonders die Tatsache, dass die Spendengenerierung in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern äusserst mager ausfiel, wirft Fragen nach Sinn und Unsinn der ganzen Aktion auf. Für die Krankheit ALS an sich interessierten sich scheinbar die wenigsten – der Hype um die Challenge hingegen sprengte alle Grenzen.

Der nächste Kritikpunk liess nicht lange auf sich warten: So rief beispielsweise die Vereinigung «Ärzte ohne Tierversuche e.V.» zum Spendenboykott auf. Die Gelder würden für qualvolle Tierversuche verwendet, obwohl man seit Jahren wisse, dass diese für die ALS-Forschung «ein völliger Fehlgriff» seien. Die Challenge verlor an Glanz. Zu allem Übel berichteten die Medien auch noch über zwei Todesfälle, die mit dem Eiswasser in Zusammenhang stehen sollen.
Und zu guter Letzt hat die brasilianische NGO Ond Azul mit der Agentur NBS nun auch noch die «Empty Bucket»-Bewegung ins Leben gerufen. Wasser sparen mit leeren Eimern. Sie rechnet vor, dass im Laufe der Ice-Bucket-Challenge weltweit rund 20 Millionen Liter Wasser verschüttet worden seien. Wasser, das im von Wasserknappheit heimgesuchten Brasilien besser gebraucht werden könnte, als es sich über den Kopf zu giessen. Beispielsweise um 60 Millionen Gläser Wasser zu füllen, siebeneinhalb Millionen Hände zu waschen oder drei Millionen mal die Toilette zu spülen.

Auch wenn dieser Trend nicht in unsere wasserverwöhnten Gefilde schwappen dürften – nach diesem Sommer erst recht nicht – für karitative Zwecke gespendet wird in der Schweiz auch weiterhin fleissig. Meistens sogar ganz im Stillen – ganz nach dem bescheidenen Motto: Tu Gutes und behalte es für dich.

Thomas Häusermann
