Genau gleich, aber ganz anders

Mein erster Arbeitstag bei Condor wäre beinahe mein letzter geworden. Schüchtern stellte ich mich beim Leiter Zentrale Dienste als neuer Produktionsassistent vor. Von Kristian Widmer

Dieser knurrte und schüttelte seinen Kopf. Man habe schon vor Wochen einen Einstellungsstopp erlassen. Zwei schlaflose Nächte später durfte ich trotzdem bleiben. Aus Frust über meinen unglücklichen Start bei der Traditionsfirma schwor ich, eine Performance hinzulegen, die das Unternehmen daran hindern würde, mich je wieder gehen zu lassen. Unwissend, dass ich damit wohl den Grundstein legte, um mich heute, exakt zwanzig Jahre später, zu meinem eigenen Erstaunen noch immer auf einem Stuhl der Condor Films vorzufinden.

Mein erstes Projekt bei Condor im Jahr 1994 war von drei scheinbar unlösbaren Problemen geprägt: Ein zu kleines Budget. Zu wenig Zeit. Und eine Idee, die man liebevoll als «virtuos» bezeichnen konnte. Unsere bisherigen Vorhaben des laufenden Jahres 2014 hatten fast ausnahmslos … – drei Probleme. Ein enges Budget. Sehr ambitiöse Terminvorgaben. Und Konzepte, die selten zu den Preisvorstellungen und den Abgabeterminen passen wollten. Aber im Gegensatz zu meinen ersten Jahren und Gehversuchen in der Branche weiss ich heute: Diese drei Probleme lassen sich mit einem Laufstallgitter und einem Sicherheitsnetz oftmals in den Griff bekommen. Das Laufstallgitter sind konstruktive, wettbewerbsfähige Alternativvorschläge. Das Sicherheitsnetz besteht aus nachvollziehbaren Argumenten in der Kommunikation mit dem oftmals selbst hart am Wind segelnden Kunden.
 
Vor einigen Jahren wurde ich für ein Meeting nach Dubai eingeflogen. Der Gastgeber trug Sandalen. Ich einen Anzug und darin eingenäht das Bewusstsein, mittlerweile ein Produzent im Dienste der Condor zu sein. Nach kurzem Smalltalk fragte mich mein jüngeres Gegenüber: Welche Schule des Risikomanagements erachten Sie für das in Erörterung stehende Filmprojekt als adäquater? Harvard? Oder eher Stanford?
 
Damals habe ich erstmals wirklich verstanden, warum Demut und Wissen nebst Talent die wichtigsten beiden Ressourcen in der Filmproduktion sind. Denn wo das eigene Tun nicht auf einem soliden Fundament aus Wissen steht, können unerwartete Entwicklungen kaum oder nur schwer eingeordnet und akzeptiert werden. Bei vielen Jobs in der Kommunikationsbranche ist die Suche nach Sinnhaftigkeit ein Teil der Stellenbeschreibung. Die daraus resultierende ausserordentlich hohe Identifikation mit dem Job ist eine wunderbare Sache. Aber sie kann bei Veränderungen im Markt und insbesondere in der Kombination von Selbstüberschätzung und Ignoranz auch plötzlich zum Problem werden. Im schlimmsten Fall werden dann notwendige Neuerungen plötzlich zur Bedrohung der eigenen Persönlichkeit, die aus dem Office mit nach Hause wandern.
 
Seit einigen Jahren prägt ein tiefgreifender Strukturwandel den Auftragsfilm. Das ist nicht lustig. Aber interessant. Neue Chancen eröffnen sich. Der Wandel beginnt im Kopf. So wie Filme, die ebenfalls im Kopf mit einer Idee starten. Darum ist für die Filmbranche nicht die Kamera, sondern der Kopf das wertvollste Gut. Darum sollten wir ihm, auch mit Blick auf den Werkplatz Schweiz, die grösste Sorge tragen.
 
Kristian Widmer ist Geschäftsführer der 1947 gegründeten Condor Films. Das Schweizer Traditionsunternehmen ist einer der führenden Spezialisten für audiovisuelle Produktionen von Spots über Imagefilme bis Web-Videos, TV-Serien, Branded Entertainment.

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