Der Motz von Butz: Der Apfel. Mehr Fluch als Segen

Der Computer, wohl eine der genialsten Erfindungen der Menschheit. Aber da sehe ich auch eine Schattenseite. Er erlaubt es auch Dilettanten, etwas zu gestalten.

Um was es mir geht: Während meiner Ausbildungszeit an der Basler Grafikfachklasse 1961 bis 1966 existierte ein Werkzeug, heute selbstverständlich, noch nicht: nämlich der Filzstift. Wir haben also damals einen Beruf mit den seinerzeit zur Verfügung stehenden Werkzeugen erlernt. Zog man also eine schwarze Linie 1 mm dick und 17,3 mm lang auf ein weisses Blatt, dann versuchte man sich als Erstes im Kopf vorzustellen, wo diese Linie genau platziert sein sollte. Mit einem weichen B2-Bleistift zum Beispiel setzte man die Linie provisorisch an die gewünschte Stelle. Erst danach hat man dann die schwarze Pelikantusche in die Reissfeder gefüllt und das Rädchen so zugedreht, dass der Strich exakt 1 mm dick wurde. Beim Auftragen auf das weisse Blatt durfte man weder zittern noch zögern, sonst gabs einen Tolggen auf dem 3 Franken teuren Schöllershammer- Karton. Warum erzähl ich das?

Heute 2014, nur etwa ein halbes Jahrhundert später, braucht es für diesen 1-mm-Strich keine Aufregung, kein Zittern, kein Zögern. Für Arbeiten, die damals eine Woche Zeit beanspruchten und verschiedene Zulieferanten wie Reprografen, Lithografen, Satzhersteller, Retuscheure usw. beschäftigten, produziert man heute dasselbe mittels InDesign, Illustrator und Photoshop in, sagen wir mal, einer Stunde. Das ist doch ein Segen und kein Fluch. Meine Theorie: Der Fluch ist aber neben dem Segen für die grafischen Kreativen grösser als der Segen. Damals hat man für jeden Einfall eine Skizze oder ein Layout mit Schere vorgearbeitet. Es war gar nicht möglich, etwas schnell hinzuzaubern. Es musste genau auf den Punkt geplant werden. Jetzt kommt der Fluch. Die Werbung, die Prospekte, die Plakate und all die ins Haus flatternden Flyer sind zu 90 Prozent von Dilettanten erdacht und am Mac rasch erstellt.

Meiner Meinung nach hat das Compi-Zeitalter der qualitativen und professionell gestalteten Kommunikation geschadet. Und zwar massiv. Leider wird sich dies in Zukunft nicht bessern, und die Folgen daraus werden nichts Gutes für die Werbebranche bedeuten. Die hässlichen, von Bürokraten ge stalteten Plakate werden, wie schon von der Stadtverwaltung angedroht, von der Strasse verschwinden. Die Stopp- Werbung-Kleber sind schon Alltag – sogar an den Briefkästen von Marketingagenturen. (Auskunft beim Motzer.) Die E-Mail- und die SMS-Kultur ist zum K… Leider haben wir uns von dieser genialen Erfindung überrumpeln lassen. Wir sind jetzt Mac- Sklaven. Mein Vorschlag als Vorsatz: Denkt, skizziert und erst dann ab in den Mac-Segen.

Mein Aufsteller der letzten Woche sind die Plakate für das iPhone 5c. The medium is the message.

Theophil Butz, Grafiker, Werbeagentur-Inhaber, Inspirator und seit drei Jahren auch noch Motzer für die Werbewoche-Leser. Sachdienliche Hinweise bitte an [email protected]

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