Zu guter Letzt: Iouri in the Slaughterhouse

Unmittelbar nach Iouri Podladtchikovs sensationeller Goldmedaille folgte das nächste Highlight: Der SRF-Interview-Marathon. Eine Komödie in 18 Akten.  

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SRF eröffnet die Feierlichkeiten mit einem Interview mit Podladtchikovs Mutter, die verständlicherweise ausser sich ist vor Freude. «Gaaanze Welt, vielen Dank, wir sind glucklich!». SRF hakt nach und geht ins Detail: «Wie war das im zweiten Run?» Frau Podladtchikova gibt die Antwort so detailliert, wie es die unnötige Frage verdient: «Jaaaaaa! (…) Das war sehr, sehr gut!». Schon mal sympathisch.

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Nächstes Progamm-Highlight: Ein Interview mit dem geschlagenen, viertplatzierten Snowboard-Superstar Shaun White. «Shaun White, das ist das Gegenteil, von dem, was vor vier Jahren geschah… was denken Sie darüber?» Überraschenderweise ist White punkto Statistiken nicht auf SRF-Höhe und fragt verdutzt nach: «Ähh.. was passierte vor vier Jahren?» «Sie waren Erster, Iouri Vierter…» «Ahh… das habe ich nicht gewusst».

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Podladtchikov ist noch in weiter Ferne, es gilt Zeit zu überbrücken. SRF-Borer fragt Experte Gian Simmen, ob die Medaillen der jungen Japaner absehbar waren oder ob das «ein neuer Trend» sei. Simmen erklärt, die Japaner seien schon immer gut gewesen, das habe man gewusst. Sie hätten gute Förderprogramme und seien deshalb immer wieder aufs Podest gefahren. Also doch kein Schnee-Entwicklungsland. Der Zuschauer lernt zusammen mit SRF-Freestyle-Kommentator Borer, man fühlt sich verbunden.

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Gute Nachricht: Podladtchikov ist nur noch wenige Boxen entfernt. Der Olympiasieger entdeckt die heimischen TV-Kollegen, seine Miene erhellt sich. Simmen und Borer halten das Publikum mit Durchhalteparolen bei Laune.

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Der Kollege vom Tessiner Fernsehen macht gestenreich klar, dass er dann noch vorher an der Reihe sei. Der diplomatische SRF-Borer willigt sofort ein.

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Minuten später: Gian Simmen baut Blickkontakt mit Kollege Iouri auf und begrüsst ihn mit einem Snowboard-typischen «Hang Loose». Borer stellt sichtlich erleichtert fest: «Jetzt hat er Gian entdeckt!»

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Es kann sich nur noch um Augenblicke handeln. Zur letzten Überbrückung krallt sich Simmen den japanischen Silbermedaillengewinner Ayumu Hirano, der sich soeben vorbeistehlen wollte. Er ist 15, 1 Meter 45 gross und spricht kein Englisch. Ideale Voraussetzungen also für ein SRF-Interview unter Freunden. Gute Frage: «You're second… how do you feel?» Entgegen aller Erwartungen holt Hirano nun ausführlich aus, gibt auf japanisch Satz um Satz zum Besten und droht den Zeitplan durcheinander zu bringen. Der Dolmetscher fasst kurz und knapp zusammen: Hirano hat lange für diesen Moment trainiert und freut sich nun auf die weitere Karriere.

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Endlich ist man den Japaner losgeworden und stellt fest, dass Iouri nur noch eine Box entfernt ist. «Momentan ist er bei den Chinesen… danach kommt er zu uns!» beruhigt Borer. Den Kollegen aus dem Tessin hat er inzwischen vergessen.

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Nur noch eine Frage an Gian zur Überbrückung. «Wann hast du gedacht, dass Gian Olympiasieger werden könnte?» Borer meint natürlich Podladtchikov, aber die bevorstehende Ankunft des neuen Gold-Helden schlägt merklich auf die Konzentration. «Am 12. Februar 1998», kontert der ehemalige Olympiasieger Simmen souverän, bis er schliesslich vom aktuellen Titelhalter unterbrochen…

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…und stürmisch begrüsst wird. Der Tessiner Kollege (2.v.l.) begrüsst stürmisch mit, wird vorerst aber noch nicht bemerkt.

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Dem Tessiner Kollegen dämmert allmählich, dass dem spontanen Lebemann Podladtchikov die mediale Auslegeordnung ziemlich egal ist. Mit gestresster, aber bestimmter Gestik erinnert er SRF an die abgemachte Reihenfolge.

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Arm in Arm mit Simmen wendet sich Podladtchikov dann doch dem Tessiner Fernsehen zu. Borer willigt ein und hält wörtlich fest: «Wir lassen den Tessiner zwei Fragen stellen!» Dieser erwidert die Deutschschweizer Herzlichkeit mit einem ebenso herzlichen Lachen.

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Während der italienischsprachigen Anmoderation wendet sich Podladtchikov ratlos und achselzuckend an Simmen, er verstehe die Sprache nicht. Zum Glück wechselt der Tessiner Kollege plötzlich von Italieniisch auf Deutsch. «Ein Traum… nach dem vierten Platz in Vancouver… deine Gefühle?» «…ahhhh… incredibile!… das ist alles… muss ich mehr sagen?» Er muss. Also fügt er auf Schweizerdeutsch an: «Ich ha mir vorgstellt, dass dä Gian kommentiert, wenn ich schmeissä!» Das hätte der Tessiner Kollege wohl auch nicht verstanden, wenn er des Schweizerdeutschen mächtig gewesen wäre. Podladtchikov antwortet auf die nächste Frage, die Chance, seinen Yolo-Flip zu stehen, sei 1:1 gewesen, weil er nur einen probiert habe.

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Der Tessiner Kollege wagt eine letzte Frage und will wissen, ob es denn nicht speziell sei, als in Russland geborener Schweizer in Russland Olympiasieger zu werden. Etwas verdutzt wendet sich Podladtchikov an Simmen: «Das habe ich vorher schon beantwortet… eigentlich…». Er meint bei einer TV-Station zuvor im Interview-Marathon. Medienprofi Simmen greift schlichtend ein und will seinen Kollegen zu einer Antwort animieren: «Du hast jetzt drei Jahre drauf hin trainiert, oder?» Ohne Erfolg. Podladtchikov erkärt dem Tessiner Kollegen: «Ja, ich kann nicht…ähhh..Sorry!» und fügt Richtung Simmen entschuldigend an: «Ich habe nichts verstanden.»

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Endlich ist die Zeit von SRF gekommen. Borer greift ins Interview-Chaos ein und liefert die Erklärung für Podladtchikovs Ladehemmung gleich selbst: «Die Emotionen sind wohl noch zu hoch, Sie wissen noch gar nicht so recht, was Sie antworten sollen auf die Fragen…» Podladtchikov antwortet sehr wohl – in einer für ansonsten standardisierte Sportler-Interviews erfrischend unypischen Art und Weise: «Nein, aber ich wiederhole mich nicht gerne. Ich erzähle den Leuten gerne was Neues, aber jetzt habe ich nichts Neues.»

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Borer korrigiert, er habe sehr wohl etwas Neues, nämlich eine Goldmedaille und will – die Zuschauer danken es – wissen, wie es denn war, als die Eltern gratulieren kamen. «Äh… mein Vater war 'uhuerä betrunkä, ich habe mir sogleich Sorgen gemacht… vorallem mein Onkel… er war voll in Tränen…» Erfrischend!

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Letzter Akt: Die grimmige Pressefrau schiebt Podladtchikov zur nächsten Box. Da sie nicht wirkt, als sei mit ihr zu spassen, kommt der frisch gekrönte Titelhalter ihrer Aufforderung widerstandslos nach. Hoffentlich wird Iouri Podladtchikov bald wieder Olympiasieger.

Thomas Häusermann

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