Der Deseiler

Christoph Seiler lässt mit seiner SLS Illusion & Construktion Ideen konkret werden und baut Dekorationen für Film, Werbung, Gastronomie und Ladengestaltung.

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Christoph Seiler, Geschäftsführer der SLS Illusion & Construktion in seiner Werkhalle in Schwerzenbach. Im Hintergrund steht das Miniatur-Modell einer Altstadt. Die Häuschen werden bald in einer Werbekampagne zu sehen sein.

Am Anfang war ein Buch: «Industrial Light & Magic». In diesem dicken Bildband war beschrieben, wie eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von unabhängigen Kreativen gemeinsam Illusionen wahr werden liess. Sie arbeiteten für George Lucas. Ihr Handwerk nannte sich «The Art of Special Effects». Und das Studio war in Hollywood. «Es war damals mein Traum, eines Tages dort hinzufliegen und dem Regisseur von ‹Star Wars› einfach mal ‹hello› zu sagen», beginnt Christoph Seiler seine Erzählungen, wie er zu seinem Beruf gefunden hat. Zu einer Begegnung der dritten Art mit George Lucas ist es nie gekommen. Der Traum vom Filmdekor und einem solchen Handwerkskollektiv, wo verschiedene Selbständige gemeinsam an einem kreativen Ort arbeiten, ist trotzdem Realität geworden. «Eigentlich mache ich jetzt genau das, wovon ich früher geträumt habe. Einfach in Schwerzenbach statt in Hollywood», darf sich Seiler heute stolz zeigen beim Rundgang durch seine Werkstatt.

Ein Setbauer für den Film, eine freischaffende Theatermalerin, eine Fotografin, ein Bootsbauer sowie Christoph Seilers Firma SLS Illusion & Construktion teilen sich hinter dem Bahnhof einen grosszügigen Hallenkomplex. «Wir sind organisiert als ein kunsthandwerklicher Pool, wo man bei Lust und Notwenigkeit auch zusammen arbeiten kann», erklärt Seiler. Der grösste Anteil im Handwerksparadies ist aber unübersehbar an die SLS vermietet. Christoph Seiler hat für seine Konstruktionen auch eine eigene Schreinerei, eine Malerei sowie eine Schlosserei eingerichtet.

Themenwelten für das Einkaufszentrum

Obwohl massiv verkleinert, fällt in der Halle sofort eine putzig nachgebaute Häuserzeile auf. «Das ist das Dekor für ein Fotoshooting. Wir dürfen es der Werbewoche bereits zeigen. Der Auftraggeber für die Werbekampagne will aber noch geheim bleiben», erklärt Seiler. Dabei macht er voller Stolz auf die vielen verspielten Details aufmerksam, welche im Modellbau an den Häuschen zu entdecken sind. In einer Halle nebenan wird gerade an Jesus geraspelt. Die Nachbildung des Wahrzeichens von Rio soll ganze acht Meter hoch werden. Gebaut wird die Figur aus unbrennbarem Schaumstoff und einem stützenden Kunststoffmantel. In acht Teile zerschnitten wie eine Wurst, damit die Figur beim Transport auch in einen Lastwagen passt. Die imposante Statue wird im nächsten Frühling im Einkaufszentrum Glatt statt in Rio zum neuen Wahrzeichen einer Ausstellung mit dem Thema «Brasilien» werden. «Das Einkaufszentrum Glatt ist schon länger einer unserer grössten Kunden. Jeden Frühling wird dort in Koorperation mit Atelier Stenz eine neue Themenausstellung lanciert. Dazu liefern wir auch regelmässig die Weihnachtsdekoration», zeigt Christoph Seiler später Arbeitsproben seiner Illusion & Construktion in einem Buch, das dem Band «The Art of Special Effects» durchaus Konkurrenz machen könnte.

Sehr kunstvoll wirken zum Beispiel die Dekorationsbauten für einen japanischen Garten im Glatt. Besonders aufwändig war eine Illusion für die Themenausstellung «Holland». Da musste nicht nur eine Windmühle mit einem drehenden Rad wie echt aussehen, auch eine 25 Meter lange «richtige» Gracht mit drei benützbaren Schiffen wurde von SLS nachgebaut. Das Glatt hat drei grosse Malls von je 200 Quadratmetern. «Da muss jeweils sehr viel Material verbaut werden, auch wenn die Dekorationen für die Besucher auf den ersten Blick vielleicht klein wirken », meint Seiler. Ein Schiffsbug zum Thema «Kreuzfahrt» ragte mit 13 Metern bis an die Decke. Ein Leuchtturm zum Thema «Nordsee» hatte dieselbe Höhe.

Bei all diesen Ideen spielt der Sicherheitsaspekt eine sehr wichtige Rolle. Es wäre eine Katastrophe, wenn das Wasser der Gracht plötzlich auslaufen und die Läden im Einkaufszentrum fluten würde. «Da bibbert man nach dem Aufbau, ob auch alles tatsächlich reibungslos klappt.» Bei der Dekoration für «Brasilien» waren statische und feuerpolizeiliche Vorgaben eine Herausforderung. «Welche Materialien sollen verwendet werden? Wie schützt man die Bauten? Wie können die strengen Vorschriften der Feuerpolizei eingehalten werden? Jedesmal sind kreative Ideen mit amtlichen Vorgaben abzugleichen. Ein wichtiger Anteil bei der Arbeit von Christoph Seiler ist deshalb das Suchen, Weiterentwickeln und Testen der verschiedensten Werkstoffe für seine Illusionen. «Jeder Auftrag bringt auch eine neue Erfindung », kann Seiler aus seiner Werkzeugkiste plaudern.

Das Model und der Berufsberater

Eingestiegen ist der heutige Gesch.ftsführer von Illusion & Construktion mit einer Lehre als Maschinenmechaniker. «Schon nach dem Abschluss wusste ich aber: Es gibt noch spannendere Berufe.» Bereits während seiner Lehre arbeitete der junge Mann gelegentlich als Model. Bei diesen Gelegenheiten lernte Christoph die Stylistin Uschi Stähli kennen. Und als Seiler vor der Rekrutenschule «noch schnell und möglichst lässig» etwas Geld verdienen wollte, fragte er natürlich zuerst nach einem Foto-Job. Ein solcher war nicht sofort in Aussicht. Dafür gab ihm die Stylistin den Tipp, dass Condor Films einen Beleuchter suchte. Seiler bekam einen Termin bei Martin Fueter und wurde dann gleich für zwei Jahre als Beleuchter verpflichtet. «Vor dem Vorstellungsgespräch ging ich noch schnell zu einem Berufsberater. Ich musste mich erkundigen, was so ein Beleuchter eigentlich alles macht und können sollte.» Mit der Arbeit beim Film fand Christoph Seiler 1980 eine derart spannende Welt, dass er «am liebsten gleich jedes Wochenende arbeiten wollte». So wurden aus den vereinbarten zwei schliesslich vier Jahre. In dieser Zeit hat Seiler mindestens 200 TV-Spots beleuchtet. Und immer mehr auch ausstaffiert. «Damals gab es keine Firmen, die Dekorbauten machten. Diese Arbeit übernahmen jeweils die Beleuchter. Wenn es bei einem Film für Maggi- Suppe zum Beispiel eine Küche brauchte, gingen wir zur Ikea. Wir haben das Studio auch ständig frisch tapeziert. Und am liebsten habe ich Requisiten gebastelt. Vor allem bei den damals noch üblichen Animationsfilmen mit Einzelbildschaltung faszinierte es mich, möglich raffinierte kleine Hilfsmittel zu erfinden und zu bauen.»

Weil sich Seilers spezielle Fähigkeiten bei Kameraleuten und Regisseuren bald einmal herumsprach, konnte er sich nach vier Jahren bei Condor selbstständig machen. Nach weiteren neun Jahren als Freelancer für Licht und Special Effects gründete Seiler mit einem WG-Kollegen zusammen eine Firma. Als Dritter im Team kam ein Kulissenbauer vom Theater Neumarkt dazu. Gemeinsam wurden sie zur wachsenden Konkurrenz für die damals marktbeherrschende «Glanz & Gloria ». Schon bald hat die Firma sechs Mitarbeiter beschäftigt. Mit der Grösse wurden aber auch die Interessen anders. Ein Teil des Teams wollte am liebsten für das Theater arbeiten und konnte vor allem Kunden wie die «Opera Factory» mit Dekors ausstaffieren. «Meine Welt blieb mehr der Film», macht Seiler es kurz, wieso das Kollektiv schliesslich auseinander gegangen ist. Die Verbliebenen machten auch weiterhin Theater. Die mehr «Dekorativen» Seiler, Lang und Stern nannten sich ab 1996 fortan SLS Illusion und Construktion.

Seine erste Werkstatt konnte der Start-up als Untermieter bei einem Bootsbauer einrichten. Dieser betrieb – stilgerecht – eine Werft im Zürcher Schiffbau. Als sich Christoph Marthaler dort mit seinem Schauspielhaus einrichtete, fand SLS eine neue Zwischenlösung im Puls 5. «Wir brauchen für unsere Montagen sehr grosse, aber immer noch bezahlbare Hallen», schildert Seiler die Odyssee, wie sein Unternehmen inklusive Bootsbauer auch nach dem Umbau des Puls 5 jetzt wieder Unterschlupf in einem ehemaligen Werkhof der Implenia in Schwerzenbach gefunden hat. Seither hat sich auch die Firmenstruktur noch einmal verändert. Christoph Seiler ist jetzt Alleinbesitzer und Gesch.ftsführer. Fest angestellt sind zur Zeit sechs Leute. Für den Bereich Gestaltung ist Silvan Kuhl zuständig. Die Planung obliegt Markus Eberhard und Philipp Angst. Schreinerei und Werkstatt werden von Vinzenz Vetter und Dimitri Dürr betreut. Dazu kommen pro Jahr rund 20 Freelancer jeweils für spezielle Jobs.

Wichtiges Standbein in Gastronomie

Eine wichtige Rolle im Portfolio der SLS ist die Gestaltung und der Ausbau von Restaurants. Auch hier gilt es, für die Gäste eine möglichst stimmungsvolle Welt zu erschaffen. Oft sind themenbezogene Dekors gefragt wie zum Beispiel ein italienisches, japanisches oder mexikanisches Interieur. Noch dankbarer empfindet Christoph Seiler die Aufträge, wo den Gestaltern eine möglichst freie Hand zum «Erzählen einer Geschichte» geboten wird. Ein Ambiente, wo die Gäste ins Staunen kommen und meinen: «Wow, so etwas habe ich noch nie gesehen!» Seiler liebt es dabei, wenn die Idee hinter der Gestaltung nicht auf den ersten Blick durchschaut wird. Im Coco Grill & Bar am Bleicherweg in Zürich hat er in diesem Sinn originalgetreu kopierte Elemente rund um das Thema «Drittklassabteilung der Titanic » in den Umbau des früheren Nähateliers von Saint Phil verstecken können. Als Referenz an den nahen Paradeplatz wurden auch ein paar «handgefertigte » Goldbarren in die Wände des Weinkellers eingebaut. «Es musste einfach geil werden», lautete der Auftrag des Gastronomen, für den SLS in Zürich auch die Tramstation, Fischers Fritz oder den neuen Schober gestaltet hat.

Eine ganze Reihe von attraktiven Referenzobjekten findet sich auch in Luzern. Zu den ausgefallenen Arbeiten aus jüngster Zeit gehört die «Schmiedstube » in Bülach. Besonders stolz ist Seiler auf eine Bar in Singapur, die SLS im letzten Jahr kreieren durfte. Ob das der Beginn einer Expansion des Unternehmens aus Schwerzenbach in die weite Welt hinaus ist, will Seiler vorerst nur mit einem Lächeln kommentieren. Hintergrundarbeit und Design In der Werbung werden die Illusionisten von SLS immer wieder von Fotografen angefragt, spezielle Oberflächen als Hintergrund für Packshots zu gestalten. Vor allem Silvan Kuhl als ursprünglich gelernter Bühnenmaler leitet die Gestaltung und Umsetzung solcher Aufträge.

Noch ausbaufähig wertet Seiler sein Angebot im Bereich Ladenbau. Als Nebeneffekt sind bei diesen Aufträgen aber bereits ein paar Designmöbel entstanden. «Alle unsere Kreationen sind ja Unikate. Bei einigen besonders gelungenen Stücken überlegen wir uns, ob wir sie nicht auch in grösseren Serien produzieren könnten.» Auf diese Weise vertreibt SLS bereits eine Reihe von exklusiven Barhockern sowie einen Tisch aus Beton. Diese Designarbeiten haben Christoph Seiler inzwischen zum Übernahmen «Deseiler» verholfen.

Eine Aufgabe der ganz besonderen Art war für SLS die Umsetzung eines Filmdekors für «Cargo». Für diese erste Schweizer Produktion im Genre des Science Fiction musste das Innere eines Raumfrachters nachgebaut oder genauer futuristisch «vorgebaut » werden. Das Dekor wurde in Winterthur in einer Halle von 3500 Quadratmetern zum Leben erweckt. Es war nicht nur ein finanzielles Wagnis, sondern auch eine künstlerische Herausforderung, ob SLS sich auf das Abenteuer im Weltraum einlassen sollte. Aber es war auch eine Chance, den ursprünglichen Traum von einer Arbeit für George Lucas doch noch irgendwie wahr werden zu lassen. Einfach in Winterthur statt im fernen Hollywood. Der Kinofilm fand Anerkennung. Das spektakuläre Dekor «hat alle umgehauen», und auch der Regisseur Ivan Engler und Produzent Marcel Wolfisberg sind dank diesem mutigen Erstling inzwischen in ihrer Karrieren weiter gekommen.

Und wie geht es weiter bei SLS? Christoph Seiler will auch für die Zukunft wie bisher vor allem auf eine möglichst breite Vielseitigkeit setzen. «Es gibt Phasen, da werden viele neue Restaurants gebaut. Dann wieder ist mehr Werbung gefragt. Bei grossen Filmen kann die Finanzierung sich oft über mehrere Jahre hinziehen. Da bleiben wir am besten flexibel. » Auch personell noch weiter zu wachsen ist kein Ziel. Auch wenn er heute ein bisschen mehr als früher mit Aufgaben im Bereich Management und Marketing beschäftigt ist, meint Christoph Seiler: «Ich bin nicht geboren als Gesch.ftsführer und will auch weiterhin in der Werkstatt dabei sein können und Spass haben bei der Arbeit und dem Erschaffen von immer verblüffenderen Illusionen.» Und natürlich hat er sich vorgenommen, nicht nur gelegentlich auch etwas Zeit frei schaufeln zu können für seine Lebenspartnerin sowie seine drei Kinder.

Andreas Panzeri

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Die Gracht mit echten Schiffen wurde für das Glattzentrum nachgebaut.

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Zu den Restaurantbauten zählt auch «Schober» in Zürich.

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Mehr Fotos finden Sie in der Printausgabe oder im E-Paper 22/2013

 

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