Design allein bringt es nicht
Webseiten optimal zu strukturieren heisst auch in interne Kommunikationsprozesse einzugreifen. Von Oliver Reichenstein
Eine Firma, die intern schon ineffizient kommuniziert, kann dies nach aussen nicht mehr wettmachen. Wer die Grundlage zur äusseren Kommunikation verbessern möchte, beginnt deshalb mit der firmeninternen Kommunikation. Wer Webseiten strukturiert, greift zuweilen bis tief in interne Firmenprozesse ein. Wo entspringen die Quellen der zukünftigen Kommunikation? Wie fliessen die Ströme der gegenwärtigen internen Kommunikation? Wie sieht der Redaktionsprozess der Unternehmenskommunikation aus und wer prüft ihn? Wie wird mit dem Kunden gesprochen? Wo werden die Resultate abgelegt?
Interaktionsdesign ist keine Frage von Video, Karussell oder HTML5. Interaktionsdesign betrifft die Nutzung einer Schnittstelle. Interaktionsdesigner gestalten Interaktionsprozesse. Ein Film ist nicht interaktiv. Filme sind passiv. Die Website ist, neben E-Mail, Social Media und Telefon eine zentrale Schnittstelle zwischen der inneren und der äusseren Kommunikation. Schwere Probleme in der Informationsarchitektur einer Website sind meist darauf zurückführen, dass die Kommunikation innerhalb der Firma nicht funktioniert. Form ohne inhaltliche Entsprechung, ohne Struktur schafft Leerräume. Stabile Form hat inneren Halt.
Kommunikationsprozesse von Grund auf zu verbessern ist für eine kleine Designagentur alles andere als eine leichte Aufgabe. Es kann durchaus vorkommen, dass man bei der Infragestellung von Kommunikationsprozessen Probleme aufwirft, die den Kunden nervös machen. Wer die Informationsarchitektur einer Firma stabilisieren möchte, schraubt an der Markenarchitektur, klopft am prozessualen Rückgrat, und damit an der Grundstruktur einer Firma. «Sie mischen sich in Dinge ein, die Sie nichts angehen!» oder «Sie sind ein Designer, kein Business Consultant!» sind Reaktionen, mit denen man rechnen muss.
Freilich könnte man als einfacher Webdesigner einfach auch nur tun, wozu man aufgerufen wurde: Karusselle, Filme, Multimegadropdowns und schöne Bildchen, farbige Infografiken, Spiele, und, whoa, Parallaxscrolling einbauen. Könnte man.
Gründliche Gestaltung aber ist keine Verhübschung. Interaktionsdesigner sind keine Fassadenbauer. Gründliche Gestaltung verändert die Form von innen, sie formt Strukturen und Prozesse. Qualität ist mit Mühen, Risiken und viel Geduld verbunden.
Oliver Reichenstein ist Informationsarchitekt, lebt und arbeitet in Tokio.
