Aufgespiesst: Das Grauen hat einen Namen: ÖV

Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über Singles und Sonderzüge.

Fahren Sie gern Tram? Oder Bus? Wenn ich ganz ehrlich bin: Ich HASSE den ÖV. Nicht, weil mich das Cobratram nervt, das mehr quietscht und rumpelt als die alten Hochflurfahrzeuge. Da weiss ich wenigstens, dass es noch fährt. Nicht, weil ich zum Ziel immer länger brauche als einkalkuliert. Nicht, weil ich meist keinen Sitzplatz bekomme. Und nicht, weil mir niemand behilflich ist, weil ich die drei Stüfchen hoch ins rollende Glück nicht allein mit dem Kinderwagen auf dem Zeigefinger bewältige. Ich hasse das Tramfahren wegen der Mitfahrer. Ich verstehe, dass die Leute denken: «Na, die kommt schon klar mit ihrem Kinderwagen. Ich trage mein Notebook ja auch selbst.» Jeder ist sich selbst der Nächste. Schlimmer sind aber die miesepetrigen Mienen der Passagiere. Sie müssen kurz vorm Zusteigen Grässliches erlebt haben. Vielleicht ist die liebe Schwiegermutter fünf Minuten vor Abfahrt des Trams von einem durchgeknallten Nachbarn über den Haufen geschossen worden. Oder hat das Erbe gestrichen. Sonst schaut man ja nicht so.

Igitt, ein Mitmensch

Wie dem auch sei: Können Sie sich vorstellen, im Tram mit einem der anderen Fahrgäste ins Gespräch zu kommen? Wenn sich eine Leidensgemeinschaft bildet, à la «ich helfe dir mit deiner Karre/deinem Koffer/deinem Lebensballast beim Einsteigen» oder «ich überlasse Dir meinen Sitzplatz», dann vielleicht. Grundsätzlich aber gilt: So viel reden wie nötig, so wenig wie möglich. So wie neulich im Bus: Eine alte Dame mit Sitzplatz sprach eine andere alte Dame ohne Sitzplatz an. Sie sagte: «Sagen Sie mir mal, wie alt Sie sind. Wenn Sie älter sind als ich, stehe ich auf und lasse Sie sitzen. Ich bin allerdings 87!» Sie lachte dabei und freute sich über ihren frechen Einfall. Die andere antwortete: «Sie sind wohl zu gut aufgestanden heute», und drehte sich weg. ÖV pur. Alle sind hässig, dass der Bus nicht nur für sie fährt. Und ich finde das inzwischen auch.

Anti-Single-Tram

Nun aber denkt die VBZ «make love not war» und springt als Kupplerin in den Ring. Es gibt nämlich auch in Züri Menschen, die ab und zu im Tram lächeln oder von ihrem Handy aufschauen. Und manchmal sogar jemand anderen an. Ist einmal so etwas Unerhörtes passiert, muss man meist aussteigen und denkt erst danach: Hätte ich doch was gesagt! Darum gibt es jetzt ein Single-Tram, das eigentlich ein Anti-Single-Tram ist. Denn man soll «die nette Lady, den sympathischen Herrn von neulich im Tram wiederfinden. Lernen Sie endlich die Menschen kennen, die Sie tagtäglich im Tram, im Bus oder an einer Haltestelle sehen.» Ach du Graus. Mir reicht ja schon eine Fahrt mit denen!

Doch die VBZ bleiben ehrlich. Von wegen «ein Blick, ein Lächeln, vielleicht die grosse Liebe …» Im Zürcher ÖV heisst es: «Zoe zerzaust Zlatan» oder «Ivo imponiert Ines». Anscheinend haben auch die Macher der Kampagne, die Agentur am Flughafen, keine guten Erfahrungen mit Bus und Tram gemacht. Sonst wäre der Ton der Slogans wohl weniger rüde ausgefallen. Für die Weicheier wurde zwar noch schnell «Tina trifft Tobi» und «Katja knuddelt Knut» formuliert – doch die Knuddler und Kuschler interessieren eigentlich keinen. VBZ-Leiter Marketing-Kommunikation Alain Kohler nimmt ebenfalls kein Blatt vor den Mund: «Im engen Cobratram kommt man sich sicher schnell näher.» Was sonst stört, ist für einmal ein Vorteil. Hauptsache, es geht zackzack und der Output stimmt. Ist Herr Steinbrück hier irgendwo??

Für den Menschkontakt kurz vor der Keilerei und das Imponiergehabe bis zur «Bläuele», den es in Bus oder Tram normalerweise gratis gibt, bezahlt man im Single-Tram übrigens mit 25 Franken. Ob man für einen kleinen Aufpreis auch die Chance hat, zwischendurch auszusteigen, war nicht in Erfahrung zu bringen.

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