Wenn die Karawane einfach weiter zieht
Je grösser die Katastrophen und je geringer Vorwissen und Kontakte der Medien, desto wichtiger die Rolle von NGO. So auch beim jüngsten Fabrikeinsturz in Bangladesch. Ein Bericht von alltäglicher Journalistenweiterbildung und dem Kampf gegen (un)professionellen Zynismus von Oliver Classen.
Als sich die Schreckensnachricht vom 24. April über die Netzwerke globaler Nichtregierungsorganisationen (NGO) wie ein Lauffeuer verbreitete, schwiegen die grossen Nachrichtenagenturen noch. Auf den Listservern wie jenem der Clean Clothes Campaign war zunächst von «einer heruntergefallenen Fabrikdecke mit einigen Dutzend Toten » die Rede. Doch als sich der Staub nach dem Gebäudekollaps in einem Vorort von Bangladeschs Hauptstadt langsam legte, wussten wir: Die Rana- Plaza-Katastrophe in unserer Medienmitteilung als «Bhopal der Textilindustrie» zu bewerten, war nicht nur legitim, sondern notwendig. Primär um die monströse Dimension dieser durch viele vorhergehende Fabrikbrände angekündigten Tragödie kenntlich zu machen. Aber auch um den Redaktionen eine zitierfähige historische Vergleichsgrösse zu liefern.
Die eigentlichen «fashion victims»
Als die Rettungskräfte drei Wochen später ihre Arbeit einstellen, lautet die Bilanz 1129 Tote und 2438 Verletzte, viele davon für immer gelähmt oder verstümmelt. Den fast 3000 Menschen, welche 2001 im World Trade Center gestorben sind, wird zu Recht alljährlich gedacht und mit dem «WTC One» gerade ein Mahnmal der symbolischen Sonderklasse erstellt. Doch das war in New York, im Herzen der globalisierten Finanzwelt. Und es waren Opfer einer Handvoll Amok fliegender Glaubenskrieger. In Dhaka, der Wellblech- Metropole eines der ärmsten und zugleich am dichtest besiedelten Länder der Welt, zählen Menschenleben deutlich weniger als der nächste Bauoder Produktionsauftrag. Und die Näherinnen waren ja nur Opfer jener systematischen Ausbeutung von spottbilliger Arbeitskraft, auf der unser (Un)Wohlstand beruht. Sie sind die eigentlichen «fashion victims».
Theorie der «Themenkarriere»
Soweit die Fakten. An ein anderes Faktum sollte ich mich auch längst gewöhnt haben. Schliesslich wurde mir die Theorie der «Themenkarriere» schon im Publizistikstudium um die Ohren gehauen. Und nun besteht meine aktuelle Arbeitspraxis ja zu einem Gutteil aus der Verfolgung und Beeinflussung von «issue developments», wie das Neudeutsch heute heisst. Die Latenzphase des Themas «Arbeitsbedingungen in Sweatshops» wurde Mitte der 90er-Jahre durch empörte Ghetto Kids eingeläutet, die vor dem Flagship Store in New York «Nike, we made you, Nike, we can break you» skandierten. Es brauchte fast 20 Jahre (und unzählige kleinere Katastrophen), bis dieses Issue mit Rana Plaza erstmals wirklich ins breite öffentliche Bewusstsein tritt. Doch nach zwei Wochen (und unzähligen Gesprächen mit mehr oder minder plan- und ahnungslosen Journis) war diese Hochphase viel schneller vorbei, als die grauenvollen Bilder aus Dhaka noch in mir nachwirkten.
Die emotionale Kehrseite
Das tun sie nämlich noch heute. Aber eben offenbar nur in mir. Mein professionelles Privileg des Informationsvorsprungs und der Direktkontakte hat also eine emotionale Kehrseite, die mir diesmal selbst ohne Augenschein vor Ort den einen oder anderen Alptraum bereitet hat. Während meine Partnerin sich freut, «dass dich das Elend anderer bei deinem Job überhaupt noch berührt», befremden mich Betroffenheitsgefühle – vor allem bei mir selber. Ui, jetzt habe ich es selber geschrieben: Betroffenheit, dieses Unwort aus dem Fundus von Friedensbewegten und Fundraisern! Aber okay, es wird schon einen Grund geben fürs Überleben dieses sentimental-spiessigen Schlüsselbegriffs der 70er und 80er-Jahre.
Oliver Classen ist Mediensprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern. Zuvor arbeitete er als Medienjournalist.
