Zu guter Letzt: Happy Birthday, Blick am Abend
Blick am Abend, der papiergewordene Schreck der Qualitätspresse, feiert den fünften Geburtstag – und nicht nur die Young Community wird je länger, je erwachsener.
Am 2. Juni feiert eine der grössten Gratiszeitungen der Schweiz Geburtstag (nur 20 Minuten, die Coop Zeitung und das Migros-Magazin haben laut Mach Basic 2012-2 mehr Leser). Während der ganzen Jubiläumswoche wird die Zeitung die 633'000 Leserinnen und Leser mit Aktionen überraschen. Die Montagsausgabe beispielsweise zeigte auf dem Umschlag alle beteiligten Personen – von der Praktikantin Elena Z. bis hin zum Kolumnen-Godfather Helmut G. (trägt mittlerweile scheinbar Bart). Ohne Ironie eine sympathische Truppe! Im Heftinnern gratulieren Prominente zum Jubiläum – Ex-Miss Amanda Ammann ist wohl die einzige Person, die je sowohl real als auch als «Schnügel des Tages» (vertreten durch ihren Hund) im Blatt erschienen ist. Das soll ihr erst mal jemand nachmachen.

Am Dienstag folgt eine «Schwiizerdüütsch»-Ausgabe! Die erste Tageszeitung in dieser Sprache überhaupt, wie Ringier am Montag mitteilte. Endlich mal wieder etwas in Mundart, schliesslich liegt der Swatch-Geschäftsbericht schon fast drei Monate zurück. Und auf die angekündigten «besten Titelblätter der letzten Jahre» freuen wir uns auch schon. Ob «Der hässliche Deutsche» (2009) auch dabei sein wird?
Wer pendelt, möchte diese Zeitung nicht (ex-)missen. Schliesslich wird sie – objektiv gesehen – je länger, je besser. Das sieht man auch an den Verkaufszahlen (unter Gratiszeitungen praktischerweise «Leserzahlen» genannt). Noch keine fünf Jahre ist’s her, als man von freundlichen Animateuren angefleht wurde, sich doch eines Exemplars zu erbarmen. Nicht selten wähnte sich der von 20 Minuten, Heute, .ch, News und Metropol verwöhnte Geizkragen-Pendler danach inhaltlich im falschen Film. Stapelweise liegengebliebene Zeitungen am nächsten Morgen – trostloser geht’s nicht (Mach Basic 2008-1: 259'000 Leser). Heute muss man früh (vom Bürostuhl) aufstehen, um am HB Zürich ein Stück des brombeerfarbenen Goldes zu ergattern. Nach 17 Uhr läuft an manchen Tagen nichts mehr – Nomen ist nicht mehr wirklich Omen.
Und so ist man mit den Inhalten über die Jahre beinahe eins geworden. Zusammen mit der Single-Frau, die einen grossgewachsenen Südländer mit gepflegten Händen sucht – und dem Single-Mann, der Ausschau nach einer sportlichen Blondine mit schlanker Figur und schönen Augen hält. Mit Herrn Glogger, der per Mail nebenbei die Welt in Ordnung bringt. Mit den Bildern des Tages, die heute origineller untertitelt sind als früher. Mit dem Witz des Abends, der zumindest konsequent unlustig ist. Mit den herzerwärmenden Schatzchäschtli-Liebesschwüren, die von der Redaktion aus Respekt vor der faszinierenden SMS-Sprache der Jugend nicht mal dann korrigiert werden, wenn offensichtlich Tippfehler passierten («Askim han dich so krass gern will dich nkme verlkre hsch mer so guet dur die ziet ghulfe und Bisch mer Au jetz no e Mega stktz Love you so Blond & Brknette»).
Es scheint, als sei das einstige Sorgenkind des übersättigten Pendlermarktes erwachsen geworden. Und mit ihm seine stetig wachsende Leserschaft. Selbst die Young Community ist reifer und weiser geworden, wie Vreni (43) aus Emmen jüngst bewies:

Hoffen wir also auf weitere fünf Jahre. Mindestens. In Zeiten von Paywall und Abopreis-Erhöhung wird man der Gratispresse eines Tages noch dankbar sein, wenigstens das Wetter und den Schnügel des Tages kostenlos abrufen zu dürfen.
Thomas Häusermann
PS:

