Die Welt wird flach, auch in der Bildung

Nachdem die Medienwelt durch die Digitalisierung durchgeschüttelt wurde, wird nun der Bildung eine vergleichbare Umwälzung prophezeit. Bildungsinstitutionen, Medienanbieter und Technologiefirmen stellen sich auf einen Strukturwandel ein. Von Josefa Haas, Rektorin EB Zürich, Kantonale Berufsschule für Weiterbildung

Eines ist gewiss: Die Digitalisierung betrifft jeden Aktivitätsbereich unserer Gesellschaft. Die Kreativbranche stellt sich nach und nach auf die neuen Gegebenheiten ein: Musik, Film, Buch, Presse, Radio und Fernsehen. Die Welt werde flach, hat Thomas Friedmann in seinem vielbeachteten Buch prophezeit. Nach ersten zaghaften Annäherungen rückt jetzt die Bildung ins Zentrum der digitalen Aufmerksamkeit. Der Strukturwandel wird auch hier von einem Verteilkampf begleitet sein. Medienanbieter und Technologiefirmen wittern das grosse Geschäft. Die traditionellen Bildungsinstitutionen werden durch die neuen Angebotsformen herausgefordert.

Die amerikanischen Universitäten beflügeln mit MOOC, Massive Open Online Course, die Hoffnungen auf eine digitale Revolution in der Bildung. Thomas Friedmann hat in der New York Times am letzten Wochenende geschrieben: «Es passiert viel Schlechtes in der Welt. Aber eine Entwicklung stimmt mich hoffnungsvoll für die Zukunft: die Online-Revolution in der Bildung. Nichts hat ein grösseres Potenzial, aus der Armut zu befreien als der erschwingliche Zugang zur Bildung. Nichts hat ein grösseres Potenzial, Milliarden von Köpfe zu mobilisieren.» Ein aktuelles Beispiel dafür ist edX.org, ein Non-Profit-MOOC, das vom M.I.T und Harvard gemeinsam aufgebaut wird. Der Kurs über Schaltkreise wurde schon von über 150 000 Menschen aufgerufen.

Die Welt wird flach auch in der Bildung. Wo immer du lebst, wie auch immer deine Lebensumstände sind: In Zukunft genügt ein Computer, der dir die Teilnahme an Studien und Kursen der Bildungsanbieter deiner Wahl erlaubt. In den digitalen Klassenräumen und Vorlesungssälen wird diskutiert, experimentiert, gelesen und gelehrt wir auf einem reellen Campus. Prüfungen und international anerkannte Abschlüsse gehören dazu.

Etwas nüchterner und zaghafter begegnet man hierzulande den digitalen Evangelisten. Trotzdem lohnt es sich, die Entwicklungen aufmerksam zu beobachten. Die Standards, die auf den Online- Plattformen gesetzt werden, definieren früher als später die Ansprüche an die Lernangebote der schweizerischen Bildungsinstitutionen. Wer sich vom Sofa aus in Vorlesungen von Eliteuniversitäten einschalten kann, wird die Dozierenden in den eigenen Schulen an ihnen messen. Die Erfahrungen der Digitalisierung haben uns gezeigt: Was technisch möglich, einfach und kostengünstig zugänglich, inhaltlich und ästhetisch attraktiv ist, findet sein Publikum. Die Gewinner dieser Entwicklung werden Studierende und die Lernenden sein. Ihnen wird auf dem Tablet die grosse Welt der Bildung serviert. Bildungsanbieter werden über die Bücher gehen müssen: Was sind die besonderen Leistungen, die sie anbieten? Mit der Stoffvermittlung ist es nicht getan. Wissen wird wie Information zu einer Commodity. Kompetenz erfordert hingegen Reibung, nicht nur in der virtuellen, sondern auch in der realen Welt. Bildungsinstitutionen werden damit zu Begegnungsräumen, in denen Persönlichkeiten die Auseinandersetzung suchen mit Erkenntnissen, mit Interpretationen, mit Innovationen und Realitäten.

Aus Wissen wird hier ein gemeinsames Erlebnis. Die Lust am Lernen wächst mit den Erfolgserlebnissen, etwas besser zu kennen oder gar zu können. Zum Erfolg gehört der Applaus. Ein «gefällt mir» wirkt stärker, wenn es mit einem anerkennenden Blick und klatschenden Händen verbunden ist. Von der Euphorie für die digitale Revolution in der Bildung dürfen wir uns anstecken lassen. Sie wird die Motivation, die Bereitschaft und die Akzeptanz von Bildung stärken. Davon profitieren alle, die neuen und die alten Bildungsanbieter sowie die Lernbegierigen in allen Lebenssituationen.
 

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