Aufgespiesst: Apple, Nuss und Mandelkern
Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über Kommunikation, die sich auf unheimlich-praktische Weise verselbstständigt.
Einige Tage vor Weihnachten war der Stress perfekt: Nach ein paar weniger gravierenden Fehlleistungen in Küche, Haushalt und auf offener Strasse wähnte ich den vorläufigen Höhepunkt des Desasters darin, dass ich das Portemonnaie meines werten Gatten mitsamt seiner Jeans mit gewaschen hatte – wenigstens im Wollwaschgang ohne Vorspülen. Dafür wurde es von der züchtigen Hausfrau auch noch getumblert, was einige Geldkarten nur in Teilen überlebt haben. Nun ja, toll gemacht, die Geldwäsche für Anfänger. Mein Mann hatte Freude. Und ich ein Weihnachtsgeschenk für ihn: eine neue Geldbörse.
Schon zu diesem Zeitpunkt war an den Versand von Weihnachtskarten nicht mehr zu denken. Aber es kam noch schlimmer. An einem besonders hässlichen Tag dauerte es sehr lange, bis ich Zeit fand, das stille Örtchen aufzusuchen. Und als ich es mir dort ein wenig gemütlich machen wollte, plumpste mein Handy aus der Hecktasche meiner Festtagshose direttamente in den Orkus. Blitzschnell ging ich unter die Fischer, und siehe da: Mein Handy sah unbeschadet aus. Dennoch beschloss ich, eine professionelle Trocknungsaktion vorzunehmen. Aber wo man früher das Handy öffnen, den Akku rausnehmen und die ganze Geschichte trockenlegen konnte, gibt es heute – jedenfalls beim Apfel-Phone – nur noch eine kleine Schublade mit der SIM-Karte. That’s it.
Raureif auf dem Display
Zwei Stunden nach dem Vorfall zeigte mein Handy plötzlich vier winterlich beschlagene Ecken und bei jeder Handhabung die Meldung: «Für diese Funktion ist Ihr iPhone nicht ausgestattet.» Kurze Zeit später war das Display nur noch im 110-Grad-Winkel unter einem Deckenstrahler lesbar. Ein guter Freund riet mir zu Geduld, also deponierte ich das Mist-Stück auf unserem Küchentisch und begann mit der Lebkuchenbackerei für unser Knusperhäuschen. Als ich mich gerade über den zerbrochenen Lebkuchen fertig geärgert hatte, begann mein Handy, unbekannte Piepstöne von sich zu geben. Das Aufbäumen eines Sterbenden, dachte ich. Ich sollte mich getäuscht haben.
Denn unversehens entwickelte sich der gewässerte Klingelknochen zum vorweihnachtlichen Helferlein – und begann, selbstständig meine komplette Telefonliste durchzuklingeln. Immerhin wurde ich durch eine sonore Herrenstimme darüber informiert, wer gerade angerufen wurde: meine Schwester im fernen Mailand, unser Hausarzt, der Mann der Cousine meines Mannes und unsere Bank. Mein Professor von der Uni, unsere Garage, eine längst verflossene Freundin und der Coiffeur. Hilfe! Da ich gerade keinen Hammer zur Hand hatte, riss ich einfach die SIM-Karte aus dem verwünschten Gerät, denn keine Eingabe konnte den Schabernack stoppen.
Von der Not zur Tugend
Am Tag danach traute ich mich kaum, das Handy wieder einzuschalten. Der ganze Vorfall erwies sich aber im Nachhinein noch als praktisch, denn etwas verlegen konnte ich vor den etlichen Zurückrufenden behaupten, ich hätte ihnen nur ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch wünschen wollen. Die Überraschung war (meist) gross, die Freude über die vorweihnachtlich aufgewärmten Kontakte (überwiegend) beiderseitig und die Weihnachtskarten (alle) mit einem Schlag erledigt.
Und ich wusste bereits, was 2013 mir bringen wird: ein neues Handy. Prosit Neujahr!
