Aufgespiesst: Der welsche Idiot
Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über tierische Übersetzungspannen.
Ein Dachs als Verkehrsbotschafter ist bereits im Ansatz etwas seltsam. Schliesslich ist ein Dachs weder schlau wie ein Fuchs noch bunt wie ein Papagei mit quasi naturgegebener Warnweste noch flink wie ein Wiesel, das besonders schnell über die oft lebensgefährlichen schweizer Zebrastreifen düsen könnte. Warum sich die Axa Winterthur also für einen Dachs als Hüter des goldenen Warndreiecks entschieden hat, wird ihr Geheimnis bleiben. «Der Dachs ist ein kompakter, gedrungener Erdmarder mit einem schlanken Kopf, einer rüsselartigen Schnauze und kräftigen Grabpfoten», weiss Wikipe- dia. Das ist aber noch nicht alles: Max, der Dachs, ist nämlich auch noch ein Idiot. Jedenfalls jenseits des Röstigrabens.
Aber der Reihe nach: Jedes Kind (und jeder Erwachsene) kennt Max, den Dachs, das Wappentierchen der Axa Winterthur. Es soll Kinder dazu anhalten, sich im Strassenverkehr richtig und sicher zu verhalten. Der Schlau-Dachs tritt in Spots auf und füllt Plakate und Bücher mit Lebensweisheiten aus dem Strassenverkehr: «Halt, stehenbleiben, es ist Rot!» Das ist gut so, denn Kids lieben und gehorchen Max, dem Dachs. Die Erwachsenen nervt das Tierchen manchmal mit seinem Oberschlau-Modus. Aber dass man ihn als Idioten betitelt, hat er nun doch nicht verdient, der Max.
Dämmerts?!
Trotzdem hat sich der Dachs in der aktuellen, schweizweiten «Dämmerungs-Kampagne» der Axa Winterthur nun zum Affen gemacht. Denn im französischsprachigen Teil der Schweiz kommt er als «Max le Blaireau» daher, als Max der Idiot. Natürlich heisst Blaireau «Dachs», allerdings auch «Rasierpinsel » oder schlicht «Pinsel». Und wer auf Französisch so gerufen wird, gilt dem Rufenden als Idiot. Das hätte die angeblich renommierte Übersetzerin der Axa (genauer: des Nord-Süd Verlags, der das Projekt für die Axa realisiert hat) wissen sollen. Hat sie aber nicht! So gehen in der französischen Übersetzung nicht nur Reim und Wortwitz verloren, wie so oft bei der Übertragung in eine andere Sprache. Sie gibt das Maskottchen und alles, wofür es steht, auch noch der Lächerlichkeit preis. Endlich konnten die Romands mal wieder richtig herz- und boshaft über die Suisses toto lachen. Und das haben sie auch ausgiebig getan. Auf Facebook und YouTube, in E-Mails und auf offener Strasse.
Noch peinlicher wird die Sache, weil die Axa Winterthur seit ein paar Jahren zum französischen Axa- Konzern gehört. Fast unglaublich, dass niemandem im ganzen Unternehmen die Doppeldeutigkeit von Max le Blaireau aufgefallen ist. Vermutlich gibt es dort einfach keine Idioten. Eine Pressesprecherin verweist auf den Nord-Süd Verlag als Schuldigen, und überhaupt habe man aus dem Fehler gelernt und «le Blaireau» einfach gestrichen – jedenfalls bei den Plakaten. Im Welschland ist Max nun einfach nur noch Max. Ein bisschen nackt für alle, die Max, den Dachs, kennen. Aber immer noch besser als ein Trottel als Maskottchen. In den Büchern bleibt Max ein Idiot, bis eine neue Auflage ansteht. Aus ökologischen Gründen. Die Dachse sagen danke. «Wer lüchted, wird au im Dunkle gseh», verkündet Max in der aktuellen Kampagne. Richtig. Und wer Französisch beherrscht, wird auch im Welschland verstanden. Vous avez compris?
