Astérix gegen Google
Google soll bezahlen – und droht der Presse mit Boykott: Frankreich probt den antikolonialistischen Kulturkampf und Widerstand. Von Jürg Altwegg , Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf.
Muss etwa ein Taxifahrer, der seinen Kunden in ein Restaurant fährt, den Wirt dafür bezahlen? In der Tat: Die Vorstellung ist grotesk. Und für Google das leicht scheinheilige Sinnbild des Anspruchs, die Suchmaschine an der Finanzierung der Inhalte, die sie verlinkt, zu beteiligen. In dieser Logik ist Google das Gratis-Taxi. Seinem eigenen Selbstverständnis nach hätte das US-Unternehmen jeden Grund, den Zeitungen für die Milliarden von Clicks Rechnung zu stellen – wie anderen Unternehmen, denen man Kunden bringt, auch.
Nach Deutschland, wo der Bundestag über ein «Leistungsschutzrecht» verhandelt, wollen in Frankreich die Verleger Google an der Finanzierung der Inhalte beteiligen. Regelmässig war es in den vergangenen Jahren zu Konflikten gekommen. Hoteliers, Bibliotheken, Buchverlage reichten Klagen ein. Wegen Street View wurde in Paris eine Busse von 100 000 Euro fällig. Schon Sarkozy hatte eine «Google-Steuer» geplant. Mit dem Bau eines Firmensitzes für 100 Millionen Euro in Paris konnte Google die Gemüter immer wieder beschwichtigen: Mehr als neunzig Prozent aller Suchanfragen erfolgen über Google.
Doch jetzt herrscht rhetorischer Krieg. Ausgelöst hat ihn Google Mitte Oktober mit einer Boykott- Drohung: Falls das Parlament eine Beteiligung des Unternehmens an der Finanzierung der Zeitungen beschliesse, werde man diese nicht mehr verlinken. «Google lässt die Masken fallen», wetterte Laurent Joffrin, Herausgeber des linken Nachrichtenmagazins Le Nouvel Observateur: «Innerhalb von zehn Jahren konnte Google beim Umsatz um eine Milliarde Euro zulegen. Jener der Unternehmen, die den Inhalt produzieren, ist um gleich viel zurück gegangen. Der amerikanische Multi zeigt, dass es ihm in keiner Weise um ein Recht auf Information geht. Er hat zur Deklaration der Einnahmen ein System entwickelt, das jeglicher Besteuerung der Profite in Frankreich entgeht.»
Von der «Erpressung einer demokratisch gewählten Regierung» sprachen auch die Politiker. Vergangene Woche wurde Google-Chef Eric Schmidt im Elysée empfangen: Staatspräsident Hollande setzte eine Frist von drei Monaten, in denen eine Einigung erreicht werden müsse. Der Canard enchaîné meldete, dass dem Unternehmen eine Steuerrechnung über eine Milliarde ins Haus geschickt worden sei.
Unter der linken Regierung wird die Auseinandersetzung auch als Kulturkampf gegen Amerika geführt. Als ideologischer Kreuzzug wie einst unter Jack Lang gegen die «Coca-Kolonialisierung». «Google ist in unseren Köpfen», klagte der konservative Figaro. Frankreich probt den Widerstand – und sieht an vielen Orten Verbündete. In Brasilien verzichten die Zeitungen darauf, verlinkt zu werden. In Belgien, wo Google den Prozess gegen die Verleger verloren hat, wurde der Boykott ihrer Zeitungen nach drei Tagen abgebrochen. Der Nouvel Observateur beschreibt, wie man als Individuum auf Google verzichten kann – schwierig sei es, aber machbar.
Noch geht die Rechnung von Google auf. Doch der Anspruch, den Schwarz- und Trittbrettfahrer im Netz zur Kasse zu bitten, ist nicht unberechtigt. Der Preis, den der Kunde im Google-Taxi für die Gratisfahrt bezahlt, ist hoch: Es sind seine persönlichen Daten, die gesammelt und vermarktet werden. An Unternehmen, denen die Suchmaschine zahlungswillige Konsumenten Kunden zuführt. Nur im Presse-Restaurant, in das sie Google lotst, gebärden sie sich als parasitäre Mitesser, denen Google als mehr oder weniger legaler Hehler auserwählte Brosamen, Häppchen und einzelne Gänge auf einem Tablett serviert. Die Zeche für die Nahrungsmittel und die Zubereitung bezahlen der Wirt und die anderen Gäste.
